Sport : Lissek will Großes schaffen - der Hockey-Bundestrainer setzt auf die Jugend

Hanspeter Detmer

Die deutschen Hockeyspieler haben den Einzug ins Halbfinale der Europameisterschaft in Padua geschafft. Damit hat das sehr junge Team in der italienischen Stadt nichts anderes als die Erwartungen erfüllt. Seit Januar 1991 ist Paul Lissek für die Mannschaft verantwortlich. Er ist der erfolgreichste Bundestrainer, den der Deutsche Hockey-Bund (DHB) je hatte. Der Olympiasieg von 1992 geht auf sein Konto. Zudem führte er seine Teams zu den Europameistertiteln 1991 und 1995. Dennoch ist Lissek momentan nicht unumstritten. "Ja, es gibt Heckenschützen", sagt er und bemüht sich, Emotionen zu unterdrücken. In Hamburg glaubt Lissek sie versteckt zu wissen.

Bei der Nominierung seines Europameisterschaftskaders hat Lissek den einen oder anderen, der sich sicher in Padua dabei glaubte, ausgeklammert. Patrick Bellenbaum gehörte dazu und auch Frank Gemmrig. "Ich verstehe nicht, dass mir jetzt mangelhafte Kommunikationsfähigkeit vorgehalten wird. Ich habe jedem seine Chance gegeben. Ich habe meine Entscheidung so weit wie möglich begründet. Aber es ist nun einmal so - als Trainer muss ich irgendwann immer wieder jemanden vor den Kopf stoßen, weil ich nur eine begrenzte Zahl an Spielern zu einer Meisterschaft mitnehmen darf", sagt Lissek. Dass er sich seine Entscheidung nicht leicht macht, kann Lissek gut begründen: "Ich bin selbst zweimal vor Olympia 72 und 76 im letzten Moment aus dem Kader rausgeflogen. Ich weiß, wie das schmerzt."

Entschieden hat sich Paul Lissek für sehr junge Spieler. Der Hamburger Duckwitz ist 19, die Berliner Tibor Weißenborn und Florian Keller 18 und 17, der Krefelder Matthias Witthaus gar erst 16 Jahre alt. "Typisch Lissek", raunzten die Kritiker, "wieder holt er sich die Jungen, weil er die besser dirigieren kann." "Nein", antwortet Lissek, "ich habe mit zahlreichen Routiniers gesprochen und weiß auch, dass der eine oder andere Eckpfeiler fehlt. Doch beim letzten Abwägen habe ich mich für die Jungen entschieden, weil ich an die Zukunft denken muss."

Paul Lissek ist beim Thema. Wer hat in die Welt gesetzt, dieser Trainer sei amtsmüde? "Ich hänge leidenschaftlich an dieser jungen Mannschaft. Wenn nicht heute, dann aber glaube ich daran, morgen etwas Großes mit diesem Team erreichen zu können. Dafür arbeite ich." Der Hockeysport hat in den letzten sieben Jahren den Fehler gemacht, seine einst von Herz und Seele getragene Stärke durch Finanzkalkül verdrängt zu haben. Doch der neue DHB-Präsident, der Stuttgarter Christoph Wüterich, will mit seiner Führungscrew die alten Hockeytugenden wiederbeleben. In Bundestrainer Paul Lissek hat er einen Mitstreiter, auf den er setzen kann. "Ganz gleich, ob wir hier in Padua zum dritten Mal in Folge Europameister werden und uns damit direkt für Olympia qualifizieren. Oder ob wir Sydney über eine gesonderte Qualifikationsschleife erreichen - ich werde alles unternehmen, was notwendig ist, um bei den Olympischen Spielen 2000 wieder auf einem Medaillenplatz zu landen."

Lisseks Stoßrichtung: Mit Strafecken will er die Gegner besiegen. Um die entsprechende Treffsicherheit zu erlangen, hat er dem Münchener Björn Michel und dem Berliner Florian Keller schon jetzt gesagt, was ihnen ab November in Spezialtrainingseinheiten droht: "Bis Sydney werden diese beiden 30 000 bis 40 000 Strafecken trainiert haben." Dann schießt Lissek zum letzten Mal selbst: "Ich will noch einmal etwas ganz Großes schaffen." Seine Begeisterung versucht er schon in Padua auf sein Team zu übertragen.

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