Sport : Live aus dem Elfenbeinturm: An ihrem Jubel sollt ihr sie erkennen

Wolfram Eilenberger

Es gibt Abende, da kommt manches zusammen. Eigentlich hätte dies - pünktlich zum dritten Advent - ein Text über die frohen Trikotbotschaften brasilianischer Torschützen werden sollen. Über die Zé Robertos, Adhemars und Cacaus unserer Welt, die nach vollbrachter Tat flink das Leiblein über den Kopf ziehen und mit den weit ausgebreiteten Armen des Erlösers über den Platz segeln, um dabei aller Medienwelt mittels eigens für diesen Ernstfall angefertigter T-Shirts zu verkünden: Jesus liebt dich! Oder: Jesus lebt und liebt dich! Beliebt auch: Gott ist treu!

Man hätte die schlichten Slogans der Stars - noch ganz ohne Ironie - als weitere untrügliche Zeichen einer im Moment stark thematisierten Empfänglichkeit für das Religiöse gedeutet. Und sich anschließend der Frage gewidmet, was ein professioneller Fußballer in der Eigenschaft des Torschützen eigentlich zum Ausdruck bringt, wenn er sein T-Shirt sagen lässt, dass Jesus lebt, liebt, und Gott treu ist. Auf einem kleinen Umweg hätte man zunächst die Frage, ob derartig bekennende Brasilianer aufs Ganze gesehen die besseren Profis sind, unbedingt bejaht. Schließlich weiß man genau, wie sehr die Trainer ihn lieben, den jungverheirateten, gut bekochten Anti-Alkoholiker mit Familienrückhalt, bei dem man keine Sorge hat, dass er noch am Morgen vor dem Spiel rückwärts aus dem Bordell gekrochen kommt.

Deswegen hätte man sich auch leicht ausmalen können, wie gerade der clevere Reiner Calmund, Deutschlands Gesicht in Südamerika, sie auf seiner jüngsten Einkauftour immer wieder gestellt hat. Sie, die 15-Millionen-Dollar-Frage: Wie hält der Junge es mit der Religion? Genau diese Summe hatte Kollege Hoeneß von der Hertha nämlich für den gescheiterten Alex Alves investiert. Einen ebenfalls hoch talentierten Spieler, der nach seinen seltenen Torerfolgen allerdings heidnische Ringeltänzchen aufzuführen pflegt. An ihrem Jubel sollt ihr sie erkennen.

Von diesen wenig erbaulichen, dafür aber plausiblen Abwegen hätte man zurückgefunden zur eigentlich ironischen Fragestellung nach dem Mitteilungswert besagter Jesus-Botschaften. Es wäre der Moment gewesen, die Perspektive zu wechseln und in der ersten Person zu sprechen. Doch, ich sagte es schon, an diesem Abend kam etwas dazwischen. Ich las, zunächst wie geplant, nochmals den sehr eindrücklichen Text des italienischen Philosophen Gianni Vattimo "Glauben-Philosophieren" (Reclam). In Vattimos frischem Werk geht es nämlich um ein Religionsverständnis, das Abschied nimmt von der natürlich-sakralen, traditionellen Idee eines allmächtigen, absoluten und enthobenen Gottes; eines Gottes, dem es überhaupt noch zu Gebot stünde, von oben ins Spiel einzugreifen. Also beispielsweise, machen wir es ruhig plastisch, ihm treuen Stürmern beim ganz konkreten Einnetzen des Balles ein wenig zur Seite zu stehen, um derart - launenhaft und sonderbar - mal dem einen, mal dem anderen Gläubiger zum Jubelflug zu verhelfen.

Dass die Herren Zé Roberto und Cacau letzte Woche ein derart überkommenes, naturalistisches und bizarres Verständnis ihres Fußballgottes mitteilen wollten, schien mir indes kaum vorstellbar. Deshalb wollte ich die Trikotmitteilungen von der liebenden Menschwerdung Gottes (kenosis) auch, ganz im Sinne Vattimos, als spielerische Aufforderung auslegen, das Trugbild eines absoluten Gottes, "jenes gewalttätigen Mechanismus des natürlich Sakralen bloßzulegen und Lügen zu strafen" und so das "progressive Auflösen aller naturalistischen Heiligkeit" - welches in seinem Stil übrigens sehr viel mit dem ballverliebten Schwänzeln der Brasilianer gemein hat - gerne als die "eigentliche Essenz des Christentums" verstehen.

Das hätte zwar sehr nach Wort zum Sonntag geklungen und überdies die Frage offen gelassen, ob Leverkusen wirklich das Zeug zum Meister hat, aber es kam ja sowieso ganz anders. Wie immer nämlich, wenn einem nichts mehr einfällt, schaltete ich den Fernseher an. Gezeigt wurde das Home-Video einer fidelen Herrenrunde, die sich, Gott ist groß, über Fußball unterhielt. Man erzählte, wundersam wie im Märchen, von einem Gefährten, dem von einem Fußballspiel gegen Amerika träumte, bei dem sich die eigenen Spieler plötzlich in Piloten verwandelten und daraufhin habe man, im Traum wohlgemerkt, die Amerikaner vernichtend geschlagen. Und wo schon vom Fußball die Rede war, erzählte ein anderer lustig von einer Familie, die, als die beiden Flugzeuge in die Türme einschlugen, vor Freude aufgesprungen sei um dieses Ereignis "wie ein Tor im Fußball zu bejubeln".

Mensch, Sachen gibt es. Nein, die bärtigen Herren sind dann, trotz aller Freude über ihren tollen Treffer, nicht mit dem Trikot über dem Turban durch den Raum gesegelt. Aber was direkt neben ihrem Herzen zu lesen gewesen wäre, ahnte ich trotzdem. So blieb ich also, anstatt meinem ursprünglichen Plan zu folgen, diesen Abend vor dem Fernseher liegen, wie taub von dem drückend klaren Zweifel, was das eine wohl mit dem anderen, und das alles mit dem Fußball zu tun haben könnte.

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