Sport : Live aus dem Elfenbeinturm: Der unheimliche Realismus des Otto R.

Wolfram Eilenberger

There we have the salad", eine solche Analyse mag im letzten Monat so manch deutschem Trainerguru im Ausland über die Lippen gehuscht sein. Gedacht ist an Fußball-Lehrer vom Kaliber eines Berti in Kuwait, eines Winnie in Kamerun oder ganz speziell eines Otto in Griechenland. Bei allen Göttern, da möchte man nicht in der Haut des Dolmetschers stecken. Fremdartig gestikulierend wie je, doch seiner Zunge und aller nachvollziehbaren Tatkraft beraubt, so sah und sieht man Rehhagel jetzt auf der griechischen Bank sitzen. Oberflächlich runderneuert, also ohne teufelsroten Rennsessel, Trainingsanzug und rheumaschonende Moon-Boots, derart musste er das Geschehen noch in Helsinki machtlos über sich ergehen lassen. Zur Halbzeit 1:4 hinten - well, there we had the salad.

Man kennt das ja noch aus Lautern und Bremen. Otto R., Weltbürger aller Provinzen, hält nach Spielschluss Hof mit einem Grinsen so breit und weise, wie kein wahrhaft Wissender es sich je erlaubte. Rehhagel, mithin ein Weiser. An eine Perle aus seinem Erfahrungsschatz erinnere ich mich wie heute. Es war im Kontext eines seiner rituellen Dementi in Bezug auf die Vormachtstellung des FC Bayern, da gab Otto zur Antwort, an Derartiges glaube er nicht, davon mögen andere träumen, er sei Realist und glaube nur das, was er sehe.

Es mag überspannt klingen, aber einen Menschen mit philosophischen Neigungen kann so eine Satzfolge in Abgründe treiben, aus denen man unter Umständen ein Leben lang nicht zurückfindet. Nur an das zu glauben, was man sieht, ist das Realismus? Ist es nicht! Vielmehr stellt diese Einstellung einen ganz platten Phänomenalismus und damit eine der uninteressantesten Spielarten des Idealismus dar. Was immer man unter Realismus verstehen mag, er beinhaltet jedenfalls mehr als den Glauben an die bloße Existenz dessen, was unmittelbar wahrzunehmen ist. Scharfsinnige Kollegen - man denke an einen Hitzfeld oder Eriksson - könnten hier einwenden, eine faire Beurteilung von Ottos Realismus hinge entscheidend davon ab, was und wie viel Rehhagel tatsächlich zu sehen vermag.

Und wie es das Schicksal will, der einzig gangbare Ausweg für einen Realismus à la Rehhagel führt tatsächlich direkt nach Griechenland, nämlich zum Höhlengleichnis Platons. Das Gleichnis selbst ist so etwas wie der Spitzkick der Philosophie. Seine versteckte Feinheit kann hier nicht dargelegt werden. So viel sei gesagt: Nur der wahrhaft Weise, der Enthusiasmierte und also nur der, der die dunkle Höhle der diesseitigen Schatten hinter sich lassen konnte, um das wahre Licht des Erkennens vollends in sich aufzunehmen, nur für einen solch Seltenen fiele das Erblickte mit dem zusammen, was wirklich ist. Man muss dabei aber noch bedenken, wie schwer es solch einem Erleuchteten fiele, seine Erfahrungen wirksam in die Höhle weiterzugeben. Vermittlungsprobleme ähnlich der Art träten auf, wie sie Rehhagel in Griechenland beklagte.

So weit gekommen, hätte sich der Philosoph in Sachen Otto R. gerne zurück in den Fernsehsessel gelehnt. So viel schien bis gestern Abend klar: Nur ein wahrhaft erleuchteter, höchst verständiger Trainer hätte es binnen sechs Wochen vermocht, den irrationalen - wenn auch nie untalentierten - Impulsfußball der Hellenen auf ein Niveau zu heben, mit dem auch nur die winzige Chance auf einen Punktgewinn in England in den Bereich des Möglichen rückte.

Aber possible is ja, wie man im Fußball immer wusste, wirklich everything. Und wie gerne hatte man sich Rehhagels realitätsfernen Analysen gerade in diesen Tagen hingegeben. Wider alle Erwartung und vor allem Vernunft aber hat er es nun tatsächlich geschafft. Und stellte sich kurz nach dem 1:5 der Griechen in Finnland noch die drückende Frage, wer von allen, mal abgesehen vom Dolmetscher, am meisten zu bedauern wäre: Realist Rehhagel, der griechische oder der deutsche Fußball, so haben wir gestern eine niederschmetternde Antwort erhalten. Es sind wir, die den Salat haben. Für das Denken bleibt das Geschehen schwer zu begreifen. Otto, ich gebe es offen zu, seit gestern bist du mir fast ein bisschen unheimlich geworden.

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