Live aus dem ELFENBEINTURM : Die Jan-Ullrich-Frage

Wen betrügt oder schädigt ein Dopingsünder in einem dopingverseuchten Sport?

Wolfram Eilenberger

Einer fehlt noch, der Wichtigste, der Eigentliche. Doch Jan Ullrich verweigert weiter jedes klärende Wort zu seiner mutmaßlichen Doping-Vergangenheit. Das einzige moralische Bekenntnis, zu dem der Noch-Tour-de-France- Sieger unbedingt stehen will, lautet: „Ich habe niemanden betrogen.“ Eine Einschätzung, der, nach allem was man weiß, eine gewisse moralische Grundplausibilität eigen ist und die sich auf die Frage schärfen lässt, wen oder was ein möglicher Dopingsünder in einem restlos dopingverseuchten Sport eigentlich betrogen oder geschädigt haben könnte.

Würde ein möglicherweise gedopter Radstar Ullrich etwa seine schärfsten Konkurrenten betrügen, da er sich so unfaire Wettbewerbsvorteile schuf? Die Antwort darauf ist ein klares Nein. Denn wenn jeder ernsthafte Siegaspirant dopen sollte, ist Doping kein Fairnessproblem. Das Argument, Doping sei Verrat am Fairnessideal, spricht, verallgemeinernd gesagt, nicht gegen Doping an sich, sondern nur gegen eine fundamentale und real existierende Ungleichheit der Anwendungs- und Aufdeckungsbemühungen. Tatsächlich dürfte eine vollständige Aufhebung des Dopingverbots die Chancengleichheit im Radsport – wie in vielen anderen Sportarten – eher erhöhen als verringern.

Würde ein möglicherweise dopender Ullrich etwa seine Gesundheit schädigen, unter Umständen massiv und nachhaltig? Nicht notwendigerweise. Viele Substanzen, die auf den Verbotslisten stehen, lassen sich nach Hoffnung der Doper unter wissenschaftlicher Betreuung so dosieren, dass Folgerisiken gering oder zumindest verantwortbar sind. Die Vorstellung eines weitgehend „gesundheitsneutralen Dopings“ ist nicht widersprüchlich. Und selbst wenn der dopende Sportler bereit bleibt, zum Preise des totalsanierenden Erfolgs gewisse Schädigungen wissentlich in Kauf zu nehmen, mit welchem Argument will man ihm diese Risikoabwägung – gerade mit Blick auf die Gefahren in anderen Sportarten, etwa dem Motorsport oder dem Boxen – grundsätzlich verwehren?

Würde ein möglicherweise gedopter Ullrich etwa seine Zuschauer, Fans und Förderer betrügen? Jedenfalls nicht mehr, als die Jubelnden sich selbst betrügen wollten. Die insbesondere von staatlicher Seite propagierte Verknüpfung von Hochleistungssport und Volksgesundheit und Werterziehung ist – weshalb das Offensichtliche verschweigen – eine Ideologie ohne Wirklichkeit. Und für den Fernsehfan liegt die Anziehungskraft einer Alpenetappe gewiss nicht darin, zu seinem Sohn auf dem Sofa sagen zu können: Guck mal, die tun aber was Gesundes! Das Gegenteil ist wahr. Die Kernfaszination zahlreicher Sportarten gründet gerade darin, dass Menschen im Eifer des Wettkampfes alle Selbstbedenken fahren lassen und sich mit ihrem Leib in einen mythischen Grenzbereich vorwagen, der dem Leben so nah ist wie der Tod.

Würde ein möglicherweise gedopter Ullrich – denkbar grundsätzlich gefragt – die Idee des Sports selbst verraten oder schädigen? Dies müsste man unbedingt bejahen, wäre das, was wir in unserer Kultur als Sport feiern und schätzen, notwendig an das Ideal einer „Wahrheit des reinen Körpers“ geknüpft. Gemäß diesem Ideal wäre Sport die im gemeinsamen Wettkampf unternommene und von Regeln angeleitete Suche nach den Grenzen des leiblich Möglichen. Die durch „künstliche“ Substanzen betriebene Freilegung von Ressourcen, die der Körper „aus sich heraus“ nicht bereitstellen könnte, verrät dieses Ideal.

Doch ist der Einsatz von Begriffen wie „rein“, „normal“ oder „natürlich“ – auf den jede Doping-Definition angewiesen bleibt – nicht nur medizinisch umstritten und philosophisch unklar, sondern vor allem politisch äußerst heikel (denken wir nur an das Unheil, das mit der politischen Mobilisierung von Begriffen wie „Entartung“, „Reinhaltung“ oder „widernatürlich“ angerichtet werden konnte). Gegen die ästhetische Intuition, nur ein reiner Körper sei ein wahrhaft sportlicher, steht zudem gleichberechtigt die Idee, niemand, auch kein Leistungssportler, habe die Pflicht, seinen Körper und dessen Grenzen so zu akzeptieren, wie sie ihm „natürlich“ gegeben sind. Ist der Gedanke an „Leistungsoperationen“ moralisch wirklich problematischer als der Gedanke an „Schönheitsoperationen“? An die konkrete Möglichkeit, sei es mit genetischen oder chirurgischen Maßnahmen leistungsfördernd in das Grundgerüst des menschlichen Leibes einzugreifen, wird sich das 21. Jahrhundert definitiv zu gewöhnen haben.

Wer in der Auseinandersetzung mit der Jan-Ullrich-Frage zu dem Schluss kommt, ein möglicherweise gedopter Sportler habe in einer dopingverseuchten Sportart niemanden betrogen oder unverantwortlich geschädigt, wird damit nicht zwangsläufig zu einem Befürworter der vollständigen Aufhebung aller Dopingverbote. Aber er bekommt in diesem Reflexionsprozess vielleicht eine Ahnung davon, auf welch unruhigem argumentativem Grund unsere kollektive Verurteilung und Ächtung des Dopings steht. Vor allem aber verfügte solch ein Mensch, hieße er nun Jan oder Lance, über keinen guten Grund mehr, möglicherweise begangene Taten noch länger zu leugnen.

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