Sport : Live aus dem Elfenbeinturm: Drei Zeilen bis zur Ewigkeit

Wolfram Eilenberger

Der junge Rasen:

Ein Ball, der gerade hineinspringt

Des Netzes Zappeln

(nach Bashô, 17. Jahrhundert)

Ob es schon Bändchen mit Fußball-Haikus auf dem Markt gibt, weiß ich nicht. Aber es sollte sie geben. Schließlich geht sie spätestens seit gestern offiziell los, die geistige Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Fernost. Und wir spüren deutlich, insbesondere kulturell sind wir noch nicht da, wo wir hinwollen. Haiku (deutsch: Posse), Sie kennen das, diese dreizeilige lyrische Kleinstform, in denen der Japaner bescheiden seine Erfahrungen verdichtet.

Im Gegensatz zum Fußball ist das Haiku-Schreiben in Japan ein echter Volkssport mit Tradition. Ein Volk der Dichter sind sie nämlich, das in der haikuhaft festgehaltenen Stimmung eines einzigen Augenblickes die ganze Weite der alles befreienden Ewigkeit freizulegen sucht. Klingt zwar ein wenig überspannt, aber so denkt er nun mal, der Japaner.

Letzten Dienstagmorgen beim Weltpokalfinale in Tokio war Generalprobe. Man will sich kaum vorstellen, wie unwürdig dieses Schauspiel den Einheimischen erschienen sein muss. Jedenfalls rangen selbst die Profis der Bayern in den ersten zwanzig Minuten um Fassung. Gegen so ausgesuchte Komödianten wie die Boca Juniors hatte man schon lange nicht mehr gespielt. Das Auftreten der Argentinier ließ erahnen, in welch verkommenem Zustand sich die Ligen und Strukturen des südamerikanischen Fußballs - trotz der natürlich vorhandenen Klasse einzelner Spieler - derzeit befinden. An einem geordneten Spielablauf bestand zu keinem Zeitpunkt Interesse. Man hob, zog, trat richtig hin, ließ sich darauf ansatzfrei fallen, um wahlweise in schmerzverzerrten Purzelbäumchen übers Feld zu kullern oder gestenreich Rot zu fordern - meistens beides zugleich.

Wie kommentierte doch Buso, einer der großen Meister des Haiku, einst so schön: "Beim Rennen auf der Straße des Ruhms und Gewinns ertrinken wir in einem Meer armseliger Wünsche und schinden unser beschränktes Selbst."

Nein, so erreicht man sie wahrlich nicht, die Einsicht in das kû, in die spannungsvolle Leere des alles erfüllenden Nichts. Und so wird man im kommenden Jahr hoffentlich auch nicht Weltmeister.

Sepp Blatter und sein Seidenschal mögen ein Übrigres getan haben, aber in diesen trägen Minuten des Morgens kam er wieder: der Zweifel am Fußball. Der Zweifel, ob es mehr als stumpfe Gewohnheit ist, die einen vor den Bildschirm zwingt. Ob es nicht doch mit dem Spiel selbst zu tun hat, dass ganz echte Fans den Gegner schon am Flughafen abpassen, nur um ihm ins Gesicht zu spucken, ob eine Erfahrung im Fußball überhaupt noch ... 23. Minute:

Blitz und Gewitter:
Weit heraus treibt der Sturm
Den wogenden Kahn Das ist es dann wohl, das immer Schöne am Spiel. Dass man im Fußball weder Dichter sein muss noch in die Tiefen des Zen-Budhismus versunken, um etwas zu erhaschen von der Erfahrung des unendlichen Reichtums eines einzelnen Moments. Denn die Lichtung einer rundum gelungenen Aktion, die kennen wir alle. Den einen lässt sie sprachlos staunen, ein anderer möchte vor Glück schreien oder besser noch seinen Nebenan ganz fest drücken.

Nun, dort drüben in Japan, wo die Reise bald hingeht, da besinnt man sich in solchen Momenten und hält den geglückten Moment im 5-7-5 System des Haiku fest. Jeder traut sich ein bisschen, weil sie eben jeder schon erfahren hat, diese drei Zeilen währende kleine Ewigkeit.

Ein echt japanischer Beitrag für den Weltfußball wäre das, bei all dem miesen Geschiebe vor und hinter den Kulissen. Uns ein wenig die reine Wahrnehmung des Haiku-Gefühls zu lehren. So ein gesamtkultureller Umschwung im Fußball vollzieht sich natürlich nicht von heute auf morgen. Aber noch bleiben Monate der Vorbereitung. Und wer weiß, vielleicht wird ja jetzt, genau in diesem Moment, in der einen oder anderen Tageszeitung schon heftig über die konkrete Gestalt eines 30-tägigen WM-Haiku-Wettbewerbs à la "Drei Zeilen bis zum Titel" gestritten. Sicher, man hätte mit Einsendungen wie

Nutella-Brötchen
Des Ochsen Beine stehen
Schon wieder Abseits zu rechnen. Dennoch, am Ende wäre ganz sicher, wie heißt das noch so schön, der Fußball der eigentliche Gewinner. Ganz ehrlich, ob irgendwo über einen solchen Wettbewerb tatsächlich nachgedacht wurde oder wird: keine Ahnung. Aber ich spüre deutlich, man sollte - am besten gleich - damit anfangen.

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