Sport : Live aus dem Elfenbeinturm: Götter für den Augenblick

Wolfram Eilenberger

Geschichten für die Ewigkeit, die schreibt Olympia besonders gerne. Wie die eines jungen Bauernburschen, dem tagträumend eine Lichtgestalt erschien, ihn beim Namen nannte und von goldenen Abzeichen kündete, deren Erwerb, Hege und Vermarktung von nun an seine einzige Bestimmung sein soll. Die Offenbarung der Jugend, die reinigende Erfahrung des Blitzgewitters sowie die Verkündung naher, güldener Zeiten, für die man sich durch Entbehrungen erst qualifizieren muss - irgendwie fallen alle Religionen auf dieses Muster zurück.

Salt Lake City 2002 Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Beispielsweise der olympische Götzendienst oder die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Es gibt aber noch eine weitere wesentliche Gemeinsamkeit zwischen den Mormonen und den Olympischen Spielen: Alle zwei Jahre stehen sie vor der Tür. Diesmal sogar gemeinsam. Was die Mormonen aus Salt Lake City dabei anzubieten haben, genau wissen wir es nicht. Schließlich wurden sie nie über die eigene Schwelle gelassen. Mit der volks- und völkerverbindenden Botschaft der Olympischen Spiele, ihren Helden und Legenden hingegen, da kennen wir uns bestens aus. Die unsterbliche Olympia handelt vor allem mit einem: großen Emotionen. Genauer, mit dem, was die Griechen Pathos nannten. Trotz des Schurken Samaranch haben die Spiele ihren eigenen Mythos zu wahren verstanden.

Für Friesinger, Hannawald sowie den Rest der starken Truppe ist er nun endlich gekommen, der Moment der Momente. Jetzt muss sie sich entladen, die über Jahre aufgebaute Spannung in Körper und Geist, sonst ist Essig mit dem Platz im Wintersporthimmel. Tatsächlich bewegt sie immer wieder, diese fast gewalttätig konzentrierte Zeit der Entscheidung, in der sich ganze Lebensentwürfe auf wenige Sekunden verdichten, vor aller Augen zerbrechen oder einen erlösenden Abschluss finden. Sprachlos, das sind fast alle, kurz danach. Verklärten Blickes und meist wirr stammelnd werden die goldenen Athleten uns auch diesmal wieder mitteilen, "dass sie es nicht beschreiben können", "dass es einfach ein unbeschreibliches Gefühl ist", "die Worte fehlen" oder "dass es echt geil war, aber die Peilung noch fehlt". Das heißt, wenn sie nicht in Tränen ausbrechen und dabei irgendeinen präfabrizierten Schwachsinn von sich geben: Roswitha, ich liebe dich! Ein Schuft, wer sich darüber lustig machte. Um derart unsportlichen Zynismus zu vermeiden, stelle man sich den goldenen Moment vor dem Fernseher deshalb lieber als quasireligiöse Erfahrung vor, schalte den Ton ab und achte ganz auf den viel aussagekräftigeren Körper in den Momenten danach. Wahre Superlative der Gebärdensprache zeigen sich dann, oder, um es mit dem Kulturwissenschaftler Aby Warburg zu sagen, Pathosformeln. Allein diese, durch das Medium des eigenen, überwältigten Leibes erzeugten gestischen Darstellungen vermögen nämlich, fern aller sprachlichen Differenzierung, die Intensität des Erlebten adäquat zum Ausdruck zu bringen. In der urmenschlichen "Abwehrgeste der Niedergeschlagenen", der "längs liegenden Hilflosigkeit des Erschöpften" oder dem "himmelwärts gerichteten Doppelfäustling der Siegreichen" vermeinte Warburgs Kollege Ernst Cassirer gar den religiös getränkten Anfang aller Kultur auszumachen. "Wenn das Ich auf der einen Seite ganz von einem momentanen Eindruck besessen ist, wenn es den Menschen unvermittelt, im Affekt des Schreckens oder des befriedigten und gelösten Wunsches, überfällt, dann springt der Funke über: Die Spannung löst sich, indem die subjektive Erregung sich objektiviert, indem sie als Gott oder Dämon vor den Menschen hintritt. Hier stehen wir vor jenem mythisch-religiösen Urphänomen des Augenblicksgottes (Mythos und Sprache). Wäre damit in dem gestenreichen Pathos des göttlichen Augenblicks, mithin im selbstvergessen jubelnden Sportler die eigentliche Schöpfung erster Symbole und damit aller Kultur zu erkennen? Glauben muss man auch daran nicht. Obwohl es schon schön wäre, wenn uns der Hackl Schorsch, wieder bei Sinnen, nach dem vierten Gold mitteilen würde, dort, am Salzsee, habe er ihn wieder gesehen, im hellen Kleid, seinen Augenblicksgott am Ende des Eiskanals. Jubeln, jodeln und trinken würden wir mit ihm. Schließlich käme der Hackl Schorsch - im Gegensatz zu dem Propheten Joseph Smith anno 1823 - nie auf die Idee, seinen glücklichen Moment gleich zur Religion auszubauen, das Erfahrene lang und breit niederzuschreiben und die ganze Welt damit an der Haustür zu belästigen. Wie gerne lassen wir ihn deshalb auch dieses Jahr wieder hinein in unser Heim und unser Herz. Ihn, Olympia und ihre ganze polytheistische Rasselbande.

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