Sport : Live aus dem Elfenbeinturm: In der Spur des Anderen (II)

Wolfram Eilenberger

In den letzten Jahren ist das Interesse an den Skispringern stark gestiegen. Während es sich früher kaum lohnte, große derartige Veranstaltungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute sehr wohl möglich. Es sind andere Zeiten. Heute beschäftigt sich das ganze Land mit den Springern; von Tag zu Tag steigt die Teilnahme. Während es für die Erwachsenen oft nur ein Spaß ist, an dem sie der Mode halber teilnehmen, sehen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wie die Springer hinabstürzen, bleich und im grellen Trikot, wie sie mit mächtig vortretenden Rippen auf den Podesten stehen, zuweilen höflich nicken und angestrengt lächelnd Fragen beantworten, auch über die Absperrungen die Arme strecken, um ihre Glieder befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versinken, um niemanden sich kümmern, nur vor sich hinsehen und hie und da aus einem winzigen Becher Tee nippen, um sich die Lippen zu feuchten.

Vier Springen etwa kann man erfahrungsgemäß durch allmählich steigernde Reklame das Interesse immer mehr aufstacheln, dann aber versagt das Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs ist festzustellen; es bestehen in dieser Hinsicht natürlich kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als Regel aber gilt, dass vier Springen das Höchstmaß sind. Nach dem vierten Springen werden die Prämien ausgeschüttet, eine begeisterte Zuschauerschaft erfüllt das Stadion, eine Militärkapelle spielt, zwei Techniker betreten den Sportlerbereich, um die nötigen Messungen an den Springern vorzunehmen, durch einen Lautsprecher werden die Resultate verkündet, und schließlich kommen zwei junge Damen, glücklich darüber, dass gerade sie ausgelost worden waren, und führen die Springer ein paar Stufen hinauf, wo auf einem kleinen Tischchen die Pokale und sorgfältig ausgesuchte Getränke gereicht werden. Das Orchester bekräftig alles durch einen großen Tusch, man geht auseinander, und niemand hat das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein.

So leben sie mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune, die immer noch trüber dadurch wird, dass niemand ihre Trübnis ernst zu nehmen versteht. Womit sollte man sie auch trösten? Was bleibt ihnen zu wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger findet, der sie bedauert und ihnen erklären will, dass ihr Zustand wahrscheinlich vom dauernden Hungern und Springen kommt, kann es, in besonders kritischen Phasen geschehen, dass einer der Jungen mit einem Wutausbruch antwortet und zum Schrecken aller wie ein gefangenes Tier an seinen Gittern zu rütteln beginnt. Doch hat sein Impresario dann ein Mittel, das er gern anwendet. Er entschuldigt den Springer vor versammeltem Publikum, gibt zu, dass nur die durch das ständige Hungern und Springen hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des Springers verzeihlich machen könne; kommt dann in Zusammenhang damit auf Äußerungen des Springers zu sprechen, er könne noch viel weiter springen, als er springe; lobt das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung, die gewiss auch in dieser Behauptung enthalten seien; sucht dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von Photographien und Mützen, die gleichzeitig verkauft werden, zu widerlegen, denn auf den Bildern sieht man den Springer weit jenseits des kritischen Punktes, im tiefen Telemark, fast erdrückt von der Schwerkraft. Wie der Impresario so redet und beim Verkauf der Photographien und Mützen findet der Springer mit einem Seufzer zu alter Haltung zurück, und das beruhigte Publikum kann wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen nur ein Jahrzehnt zuvor solches erlebt hätten, wären sie sich selbst unverständlich geworden. Aber inzwischen ist jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich ist es geschehen; es mag tiefere Gründe haben, aber wem liegt daran, sie aufzufinden; jedenfalls sahen die bescheidenen Springer sich eines Tages von der vergnügungssüchtigen Menge verwöhnt, wie in einem geheimen Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Sucht nach dem Springen ausgebildet. Zwar ist es sicher, dass auch für das Springen wieder andere Zeiten kommen werden, aber was sollen die Springenden tun? Denen, welche Millionen zujubeln, bleibt kaum eine Wahl; einen anderen Beruf haben sie nie ausgeübt, vor allem aber sind sie dem Springen zu fanatisch ergeben. So nimmt sich denn jeder Springer einen Impresario als Genossen einer Laufbahn ohnegleichen und lässt sich mit großem Zirkus vermarkten. Um ihre Empfindlichkeit zu schonen, sehen viele die Vertragsbedingungen gar nicht erst an.

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