Live aus dem ELFENBEINTURM : Macht Sport in Diktaturen mehr Spaß?

Furchtlose Überlegungen zu den nahenden Olympischen Spielen im schönen China. Ein Kommentar von Wolfram Eilenberger.



Das musste ja so kommen. Wieder einmal soll der Sport als Faustpfand der Politik genommen werden, wieder einmal fordern prestigesüchtige Gutmenschen, die von Sport nicht die geringste Ahnung haben, einen Olympiaboykott, nur weil ihnen das politische System des Ausrichterlandes nicht passt. Zugegeben, China ist eine Diktatur, aber was, bitteschön, können unsere Athleten dafür? Und vor allem: Was ist, rein sportlich gesehen, eigentlich so schlimm an Diktaturen? Könnte es nicht sogar sein, dass Sport in dieser Systemform mehr Spaß macht?

Betrachten wir die Frage zunächst aus Sicht der unmittelbar Betroffenen: der Athleten. Durch konsequente und rein leistungsbezogene Selektionsmechanismen früh in ihrer Begabung erkannt, dürfen sie sich in einer Diktatur ganz auf das konzentrieren, was sie am Besten können. Während eine freie Gesellschaft ständig so tun muss, als ziele ihre Talentförderung auf die Bildung „freier Persönlichkeiten“ ab, ist der Daseinszweck der sportlichen Hochbegabung in Diktaturen entlastend eindimensional definiert. Wozu auch sich etwas vormachen? Dass Hochleistungssport nicht gesund ist, weiß jeder, und dass er keineswegs bildungsfördernd ist, ergibt sich schon aus Gründen der reinen Zeitökonomie.

Zudem stehen Diktaturen technisch-medizinischen Optimierungsverfahren ausgesprochen aufgeschlossen gegenüber. Während der Profi der freien Welt, will er international konkurrenzfähig sein, ganz auf sich allein gestellt den Weg in die Illegalität des Dopings antreten muss, wird der Staat in Diktaturen selbst aktiv, scheut keine Mittel und Mühen, ja nicht einmal die Verantwortung. Die soziale Absicherung ist lebenslang gegeben, wobei die ökonomischen Aufstiegschancen mit denen der freien Welt durchaus vergleichbar bleiben. Für leistungswillige Talente lässt sich damit eindeutig festhalten: Allein die Diktatur bietet optimale Entwicklungsbedingungen!

Da höchster Zuschauergenuss sehr eng mit Höchstleistungen verbunden ist, spricht auch aus Fan-Sicht vieles für ein affirmatives Verhältnis zur Diktatur. Ein besonderer, systematisch bedingter Vorteil von Zwangsregimen liegt darin, dass die Figur des zu besiegenden Feindes noch voll intakt ist. Denken wir zum Vergleich an die nahenden Fußball-Europameisterschaften, wo Nationen, die nicht einmal mehr durch eine Grenze getrennt sind, so tun müssen, als spielten sie gegeneinander. Und deutsche Fans sich der paradoxen Situation ausgesetzt sehen, plötzlich ihre größten Idole wie Franck Ribéry oder Rafael van der Vaart schmähen zu sollen. Derartige Positionierungsprobleme sind einer anständig geführten Diktatur fremd. In ihr weiß man noch genau, dass Nachbarn Feinde sind und damit auch, wofür auf Leben und Tod gefightet werden muss. Eine Welt aus nichts als Freundschaftsspielen, das versteht jeder, wird notwendig ins sportliche Mittelmaß führen.

Da Diktaturen eine sehr nachvollziehbare Abneigung gegen spontane Zusammenrottungen haben, pflegt auch die Stadionerfahrung in diesen Systemen eine besonders intensive zu sein. Eintrittskarten werden bevorzugt an linientreue Fanatiker delegiert – also echte Fans. Auch hier müssen wir uns die Alternative einer freien Gesellschaft vor Augen führen, die Tickets mittlerweile an Zehntausende desinteressierte und chronisch übermüdete Unternehmensberater verschenkt. Mag der Verkauf am freien Markt in China auch noch stocken, leere Ränge wird es in Peking gewiss nicht geben. Denn sollte wirklich Not am Mann sein, werden einfach zwei stimmungsbereite Kombinate aus der Vorstadt rangekarrt, die im Stadion dann ordentlich Betrieb machen. Nicht zuletzt haben es die Sportjournalisten einfacher, können sie sich in Diktaturen doch auf den Wettkampf konzentrieren und müssen nicht, wie es im Westen fast schon fast ein Zwang ist, immer gleich zum gesellschaftskritischen Rundumschlag ansetzen oder irgendwelchen Blutbeuteln nachjagen.

In diesem Sinne möchte ich alle Offiziellen und Politiker, die derzeit angesichts kleinerer Störungen in einer entfernten Bergprovinz einen Boykott fordern, ganz im Sinne des Deutschen Olympischen Sportbundes inständig bitten, jetzt nur nicht den Kopf zu verlieren. Uns erwarten einmalig schöne Spiele in China, in denen ganz gewiss viele neue Rekorde aufgestellt werden. Dieses Spektakel sollten wir uns unter keinen Umständen entgehen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben