Sport : Live aus dem Elfenbeinturm: Plato Skibbe und Odysseus Völler

Wolfram Eilenberger

Es gibt sie natürlich, Fachleute und andere Menschen wie du und ich, die pfeifen auf das ganze Geschwätz von Spielsystemen, taktischer Innovation und Viererketten. Die halten Fußball für ein im Prinzip ganz einfaches Spiel, bei dem nur der Wille zählt. Ach ja, und dass man zu seinen Kumpels hält. Kevin Keegan, noch vor einem Jahr Englands Trainer, war so einer. Heute glaubt er Derartiges nicht mehr, sagt er. Und dann gibt es sie natürlich, Fachleute und andere Menschen wie du und ich, denen ist ganz egal, wie man das nächste Spiel gewinnt, wenn man es nur gewinnt. Und so denken sie für jede einzelne Partie. Menschen wie Werner Lorant also, denen das Spiel eigentlich gleichgültig ist.

Rudi Völler gehört nicht zu ihnen, genauso wenig wie Michael Skibbe. Wie sie konkret aussehen könnte, die deutsche Vision vom Spiel der Zukunft, das scheinen die beiden im Moment selbst noch nicht zu wissen. Müssen sie auch nicht. Seit letzten Mittwoch haben sie ja Zeit, gut viereinhalb Jahre. Dann erst wird die Sonne hinter dem Franz-Beckenbauer-Stadion untergehen und das Eröffnungsspiel der WM 2006 beginnen.

Schon allerdings hört man sie wieder, Fachleute wie du und ich. Die berauschen sich an den Helden von Dortmund, entdecken einen wiedererwachten Mannschaftsgeist, beschwören uneingeschränkt altdeutsche Tugenden und wagen erste Gedanken an eine Titelverteidigung in Fernost. Titelverteidigung? Sie steckt halt tief in uns drin, die Überzeugung, geborene Weltmeister zu sein. Dass es irgendwie schon langen könnte, weil es irgendwie noch immer gelangt hat, zumindest bis ins Viertelfinale - und von da ab ist irgendwie ja alles möglich.

Jetzt hätte man sie, die Zeit und womöglich sogar die Spieler, an diesem deutschen Irgendwie, das den Rest der Welt so empört, gründlich zu feilen. Schließlich ist alles besser als die unansehnliche und ideenlose Stagnation der letzten fünf, wenn nicht zehn Jahre. Gerade so, als ob beim Fußball dabei sein alles wäre, als ob es nur darum ginge, auf eine und sei es noch so perspektivlose Weise in der Weltspitze zu überdauern. "Die Kunst zu überdauern", so schrieb der britische Philosoph Alfred North Whitehead 1928, "ist ein Attribut des Todes ... Die Funktion der Vernunft hingegen besteht darin, dass sie die Kunst zu leben fördert. Die Kunst zu leben besteht darin, dass man erstens überhaupt lebt, zweitens auf eine befriedigende Weise lebt und drittens einen noch höheren Grad von Befriedigung erreichen kann." Das klingt ganz schön einfach. Ist es aber nicht. Man braucht ja nur, wie es nahe liegt, "leben" durch "Fußball spielen" zu ersetzen. Dann erkennt man, dass es selbst dem größten Verband der Menschheit, dem DFB, bislang nicht gelungen ist, auch nur die zweite Stufe des Whitehead-Projekts zu realisieren (Jetzt mal abgesehen von jenen 14 wilden Minuten gegen ein ukrainisches Team, das so ängstlich und verstört auftrat, als hätte man es über Wochen hinweg mit blaugelben Fresspaketen beworfen). Blättert man weiter, zeigt sich allerdings ein silbergrauer Streif am deutschen Fußballhorizont. Whitehead schreibt: "Wir müssen uns daran erinnern, dass die Vernunft zwei Gesichter hat, das platonische und das von Odysseus. Der Vernunft des einen geht es um Vollständigkeit der Einsicht, und sie ist der der Götter verwandt. Die Vernunft des anderen plant den Weg des unmittelbar anstehenden Handelns und gleicht der Schlauheit der Füchse."

Potzblitz, das sind sie! Michael und Rudi, wie sie leiden und leben. Plato Skibbe, der eiskalte, unermüdliche und immer distanzierte Analytiker, den es nach dem perfekten Spiel sehnt. Und neben ihm, doch immer einen Schritt voraus, Odysseus Völler, der weit gereiste, fintenreiche und fuchsschlaue Held, der gerade in engen Situationen immer noch einen Kniff ersinnt. Geht es nach Whitehead, ließe sich mit unseren beiden hochvernünftigen Trainern also langfristig nicht nur Weltmeister werden, sondern sogar befriedigender, weil ansehnlich und erfahrungsintensiv Fußball spielen. Das macht Hoffnung.

Tatsächlich liest sich Whiteheads "Die Funktion der Vernunft" mit seiner Kritik an einfallslosen, alten Obskuranten und dem "Weg der Blindheit", den die Menschheit aus Angst vor neuen Ideen und dem Abenteuer der Jugend immer wieder bis zum dunklen Ende geht, auch wie eine Rückschau auf den deutschen Fußball der letzten zehn Jahre. Es sind nur 70 schmale Seiten, Rudi, kosten nicht mal 5 Euro. Schließlich gab es sie auch diesmal wieder: Fachleute und andere Menschen wie du und ich, die noch am Dienstag ohne rot zu werden nach Ulf Kirsten und Thorsten Fink schrieen. Um die Förderung der Lebenskunst und also den Fußball kann es ihnen dabei nicht gegangen sein. Wir vermuten, sie wollten nur noch dieses eine Spiel irgendwie gewinnen, um dabei zu sein, 2002, erst einmal zu überdauern, und ab dem Viertelfinale dann, ich meine, mit Odysseus, Plato und der nötigen Aggressivität ...

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