Sport : Live aus dem Elfenbeinturm: Play-offs in der Renaissance

Wolfram Eilenberger

Man muss ja nicht zum Einsatz kommen, um sich als vollwertiger Teil eines Teams zu fühlen. Da wäre zum Beispiel ein gewisser Herr Venzke aus dem Rheinland. Seit gut zwei Wochen steht er als erster deutscher Feldspieler im Aufgebot eines Teams der National Football League. Mitspielen durfte er bislang nicht. Dennoch, Venzke ist ohne Zweifel das, was der Sportnation zum Glück noch gefehlt hat: Deutschlands große Hoffnung im American Football. Der Jungstar wurde als Tackle für die Offensive verpflichtet. Läuft alles nach Wunsch, wird Venzke sein Sportlerleben damit zubringen, aus vier bis acht Metern frontal auf einen Gegenspieler loszusprinten und zu hoffen, dass der so Gerammte außer Gefecht gesetzt bleibt. Der Einwand mag europäisch und deswegen ein bisschen ungerecht klingen, aber irgendwie hat man das Gefühl, die Möglichkeiten des Sportes fänden sich in Venzkes Football-Existenz nicht ausgeschöpft.

Genau wie beim Baseball, das hierzulande ebenfalls kaum Fuß fasst, befremdet den Europäer beim Football die ungeheure Spezialisierung der Spielerfunktionen. Das Problem liegt nicht in der strategischen Komplexität, sondern in der damit einhergehenden Bewegungsverarmung der jeweiligen Sportler. Wie viel ästhetischen Gestaltungsraum lässt eine Position wie die des Tackle dem Spieler? Und auf welcher Grundlage ließe sich, mal abgesehen vom jeweilig differierenden Übergewicht, überhaupt von einem individuellen Stil dieser gepanzerten Rammböcke sprechen? Vor mehr als 500 Jahren, als die Vorformen der heutigen Ballspiele in Europas Festkultur Fuß fassten, wurde auch das Ideal eines universell gebildeten und leiblich ertüchtigten Menschen neu geboren.

Im vorbildlichen Florenz der Medici regierte König Calcio. Der Calcio vereinte Elemente des American Football wie auch des Rugby und des Soccer in sich. Auf der Fläche eines Fußballfeldes drängten sich insgesamt 54 Spieler "zweier zu Fuß agierender und unbewaffneter Mannschaften" mit dem Ziel "einen aufgepumpten Ball über den gegenüberliegenden Endpunkt hinauszubringen". Bis zu 40 000 Zuschauer waren begeistert. Grobe und unbeherrschte Proleten vom Schlage eines Lorant oder Geenen hielt man fern vom Spiel. Denn der Calcio war ein edles Spektakel, in dem der höfische Renaissance-Mensch seine besten Werte verkörpert sah. Deshalb stellten neben der Mut schulenden militärischen Ertüchtigung auch die Geschmeidigkeit und Gewandtheit sowie Selbstkontrolle, Ehrlichkeit und Mildtätigkeit das eigentliche Spielziel dar.

Die Unterscheidung zwischen Künstler und Sportler, zwischen Theater, Poesie und Ballspiel schien als hemmende und ungute Verengung. Der neue Mensch sollte all diese Talente - je nach Spielsituation und Stand - in sich und seinem persönlichen Calcio-Stil vereinen. Eine Utopie, wie man damals schon wusste. Ihren Höhepunkt erreichte die gut 300-jährige Calcio-Kultur 1689 mit einer Art Play-off um einen fingierten Weltpokal. Wie in der neuen und vergnüglichen Studie "Florentiner Fußball: die Renaissance der Spiele" des Berliner Kunsthistorikers Horst Bredekamp nachzulesen, "stand dieser Wettkampf, fünf Jahre nach der Niederlage der Türken vor Wien und zwei Jahre nach der Rückeroberung Budas, unter dem Motto eines Kampfes zwischen Asien und Europa". Nach einer deutlichen Niederlage im Eröffnungsspiel konnten die Asiaten in der folgenden Partie "über weite Strecken mithalten, aber schließlich wurde Europa erneut der Sieg zugesprochen. Der Beifall fiel angesichts der besonderen Leistung der Verlierer zu gleichen Teilen auf beide Mannschaften". Nach Abschluss des Turniers kam man zusammen, um das Wohl des ausrichtenden Brautpaares zu besingen und über Wochen hinweg zu feiern.

Das war, und so wird es nicht wieder. Geblieben aus jenen goldenen Zeiten des Calcio ist uns die Idee des modernen Sportes als einer Tätigkeit, die auf vollkommene Ausbildung des Menschen und damit auch auf eine differenzierte Vielfalt jedes Einzelspielers zielt. Mut, Stärke, Selbstkontrolle und Ehrlichkeit, mit eben diesen Tugenden dürfte sich auch Patrick Venzke zu Karrierebeginn an der Universität von Idaho beworben haben. In vier langen und harten Studienjahren ließ er sich dort zu Deutschlands Vorzeige-Tackle ausbilden. Mit Erfolg, wie man sieht.

Zwei Tugenden scheint er in jedem Fall erworben zu haben: Geduld und Weitblick. Selbst nach wiederholter Nicht-Berücksichtigung gab der Jungfuchs der Jacksonville Jaguars zu bedenken: "Die Saison dauert noch zwölf Wochen. Da kann viel passieren". Recht hat er. Ruhe bewahren und sich bereit halten. Als echter Jaguar fühlt er sich schon. Und die Anforderung zum Einsatz kommt bestimmt noch. Helm auf und durch, hieße es dann. Wir wünschen alles Gute. Vor allem, dass er im entscheidenden Moment nicht zuerst liegen bleibe.

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