Live aus dem ELFENBEINTURM : Rückkehr ins Proletariat

Warum man American-Football-Fan werden sollte

Wolfram Eilenberger

Jedes Jahr die gleiche peinliche Konstellation. Pünktlich zum heiß ersehnten Rückrundenauftakt der Bundesliga bettelt der sogenannte Super Bowl im Nachtprogramm um Aufmerksamkeit. „Das größte Sportereignis der Welt!“ „Der ganze Planet sieht zu!“ „Verrückter als Karneval!“, wird uns in grellen Trailern erklärt. Soso, hmhm, mag sein. Aber was, bitte, geht uns American Football an? Football haben wir selbst. Karneval auch. Und Amerika wollen wir nicht. So denkt und fühlt die deutsche Fanseele, und kann einfach nicht verstehen, weshalb sich die USA seit mehr als hundert Jahren weigern, die naturgemäße Überlegenheit des Soccers öffentlich anzuerkennen. Neben der Existenz von George W. Bush ist der Abgrund zwischen Foot- und Fußballfans die zweite schwere Bürde der transatlantischen Wertegemeinschaft.

Wechselseitiges Unverständnis darf Anlass sein, eigene Prägungen zu überprüfen. Was also, wollen wir fragen, ist uns der Fußball heute? Was kann, will und repräsentiert er? Auf diesen Zweifel hat der amerikanische Kulturtheoretiker Hans Ulrich Gumbrecht jüngst folgende Antwort gegeben: „Weil sich keine Außenwelt mehr zu ihm vorstellen lässt, repräsentiert der Fußball in Deutschland heute nichts spezifisch anderes mehr, sondern – potenziell und ganz wörtlich – alles mögliche andere.“

Wie wahr. Und wie bedrückend. Schließlich war es nichts anderes als das Versprechen eines „Außen“, die karnevaleske Verheißung einer „anderen Welt“, die uns dem Lockruf des Fußballs einst folgen und erliegen ließ. So bekannten wir wahren Fans uns zum Fußball, weil er eine bestimmte Klasse und damit Lebensform repräsentierte – und wurden Zeuge, wie er in kürzester Zeit sämtliche Klassen und Schichten für sich gewann. So liebten wir den Fußball, weil seine Offenheit einst ein utopisches Anderes zu den stumpfen Routinen unserer Vorstadt bildete – und finden uns heute in Leben geworfen, die mindestens so unverfügbar sind wie das Spiel selbst. So waren wir ihm treu ergeben, weil er Gemeinschaften stiftete, die tief und einzig waren – und erleben heute, wie beliebige Millionen es uns gedankenlos gleichtun. Nein, das Spiel, das uns einst lockte, gibt es nicht mehr. Zum Zeitpunkt seiner totalen gesellschaftlichen Ausbreitung hat der Fußball jeden Differenzwert verloren, ist uns zum leeren Versprechen geworden.

Was also tun? An wen sich wenden? Gesucht ist ein Teamsport, der eine überzeugende Rückkehr in das Proletariat des Schmerzes verspricht – ohne dabei in ekelhaftes Blutvergießen zu eskalieren. Ersehnt ist ein Spiel, das geworfenen Marktexistenzen die Illusion einer strategisch beherrschten Überforderung vermittelt, zudem den Genuss rarer Traum- und Sonderzeiten sowie nicht zuletzt die Wiederauferstehung einer exklusiven Männergemeinschaft von wenigen Kennern. Kurz, genau jene utopisch andere Welt, die der Fußball vor langer Zeit sein konnte, vermag uns der American Football heute mit neuer Kraft zu bieten.

Es braucht nur ein wenig Mut zum Kampf gegen eigene Vorurteile, um zu erkennen, dass diese Vier-Stunden-Epen aus Kampf und Tanz, raumgreifender Gewalt und filigranem Dialog, blinder Wut und klügster Kalkulation gerade alt-europäischen Fußballern ein sportliches Morgen versprechen. Die Stunde null eines neuen Fandaseins, mit dem heutigen mitternächtlichen Super Bowl zwischen den New York Giants und den New England Patriots wird sie möglich – und auf Bush folgt Obama.

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