Live aus dem ELFENBEINTURM : Sind auch Sie ein Wettbetrüger?

Eine lohnende Therapie gegen die größte Bedrohung des Weltsports

Wolfram Eilenberger

Sie stecken da mit drin. Verdammt tief sogar. Denn Sie tun es doch auch, wahrscheinlich sogar regelmäßig, jede Woche, vorzugsweise freitagnachmittags, natürlich verlieren Sie dabei, mehr als Sie sich leisten können, aber Sie haben recht, das geht mich nichts an, ist Ihre Sache, und außerdem, was soll schon so verwerflich an der Wettleidenschaft sein? Sie gehört von jeher zum Sport, ist schlechthin nicht von ihm zu trennen, nicht umsonst heißt es im Deutschen ja Wettkampf.

Stimmt. Doch gerade in jüngster Zeit hat das Wort wieder einen verdächtigen Beiklang erhalten. Erst erwischte es den Fußball in Deutschland, dann die amerikanische NBA, nun auch das ach so edelweiße Profitennis. Wettbetrug, allerorten, endemisch, nicht zu stoppen, ein Krebs des Systems, neben dem Doping die zweite große Bedrohung des Weltsports. Genau verstanden sogar noch viel gefährlicher. Schließlich scheint der Zweifel um die Urinwerte unserer Helden bei einer Mehrheit der Fans nicht zu einer Minderung des Zuschauergenusses zu führen. Ein manipuliertes Match hingegen – oder auch nur die Ahnung, es könnte manipuliert sein – nimmt dem Geschehen notwendigerweise seinen Reiz. Denn die im ehrlichen Wettkampf immer wieder neu zu erzeugende Unverfügbarkeit des Ausgangs bildet das Fundament der sportlichen Faszination. Und genau dieses Fundament greifen die Machenschaften der Wettmafia direkt an.

Allein der Gedanke, wie viele Partien, an die ich als begeisterter Zuschauer tiefste Emotionen, ja bisweilen mein innerstes Selbst verlor, in Wahrheit nichts als feinst abgesprochene Schauspiele gewesen sind, ruft einen existentiellen Schwindel hervor. Ich ahne, ja weiß, es waren viele, hunderte. Und jedes Wochenende kommen tausende von gelinkten Partien hinzu, die Millionen Menschen weltweit um eine der kostbarsten Leidenschaften ihres Lebens betrügen – um ihre Fanfreude.

Man möchte auf der Stelle kotzen, wäre da nicht die andere und vielleicht noch schmerzhaftere Frage nach der Wirkung der Wette auf die Wahrnehmungen des wahren Fans. Haben wir nicht alle schon am eigenen Leibe erlebt, wie sich, ist der Tipp erst einmal platziert, unsere Präferenzen und Erwartungen aufs Teuflischste verschieben, wie jede Aktion, jeder Schuss und jede Einwechslung mit einem Mal nur noch unter dem einen und scheinbar einzigen Aspekt bewertet wird: Bringt mich das meinem Wettgewinn näher? Der Befund ist so klar, dass man sich fast schämt, ihn auszusprechen, aber mit dem Entschluss zur Wette benimmt sich ein wahrer Fan ganz bewusst und aus freien Stücken der Möglichkeit, sein Spiel als fundamental offenes und damit als genuin sportliches Ereignis genießen zu können. Er verwettet die Basis seiner Leidenschaft, betrügt sich als Wettender also selbst.

Gewiss, es mag bedeutsame Nuancen dieses Selbstbetrugs geben, aber am traurigen Ende der Skala erblicken wir Individuen – es sind allein in Deutschland Millionen –, die mit dem Tippschein in der einen und der Fernbedienung in der anderen ihren Bundesligasamstag damit verbringen, über 90 lange Minuten die Videotextseite 251 anzustarren und bei jeder Ergebnisaktualisierung ihre Gewinnquote neu zu ermitteln. Wer so handelt, hat zweifellos die letzte Stufe dessen erreicht, was vor langer Zeit einmal ein wahres Fan-Dasein gewesen sein mag. Er ist ein Mensch geworden, dessen sportliches Wettinteresse jedes Interesse an der Erfahrung des Sports gelöscht hat.

Welches moralische Recht aber haben solche Existenzen, sich über die Machenschaften krimineller Netzwerke zu ereifern? Keines. Schließlich sind es niemand anderes als diese Wett-Fans, die in ihrer suchtgleichen Selbstentfremdung organisierte Wettmanipulationen überhaupt erst ermöglichen und lukrativ machen.

Man mag als wahrer Fan heute vor der Frage verzweifeln, welcher Beitrag sich wohl persönlich gegen die Seuche des globalen Dopings leisten ließe (gewiss, bei Verdacht einfach abschalten, aber was darf man sich dann eigentlich noch ansehen?). Im Falle des Wettbetrugs hingegen liegt der Schlüssel ganz in unseren Händen. Denn wer es unterlässt, als Fan auf Ereignisse zu wetten, die er als Fan genießen will, gewinnt dabei nicht nur die Möglichkeit zu wahrhaft beglückenden Sporterfahrungen zurück, sondern entzieht im gleichen Zug auch kriminellen Wettkartellen die Geschäftsgrundlage.

Eine klassische Win-Win-Strategie also, hochvernünftig, absolut praktikabel, für jeden Betroffenen zu nutzen und in der Dividende todsicher. Ob alle diese prächtigen Argumente ausreichen, der Bedrohung wirksam ein Ende zu setzen? Fragen Sie sich selbst! Ich würde nicht darauf wetten.

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