Sport : Live aus dem Stadion

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DER 34. SPIELTAG

Oh, was für eine Dramatik, welch großes Theater, mit großen Gefühlen. Oder wurde es Ihnen etwa nicht warm ums Herz, als Jürgen Kohler weinte in Dortmund bei seiner Verabschiedung, als Ulf Kirsten abtrat von Leverkusens Fußball-Bühne und in München der große Fußballer Stefan Effenberg eine Ära beendete? (Dass sich die Privatperson Effenberg dabei aus München eher davonschlich als verabschiedete sei mal am Ende der Saison vernachlässigt.)

Und nun ist es vollbracht! Borussia Dortmund ist Meister vor Bayer Leverkusen und den Bayern aus München. Ist das gerecht? Es ist so eine Sache mit gefühlten Meisterschaften, um Gerechtigkeit gehts dabei eher weniger. Da gehts dann mehr darum, dass Bayer aus Leverkusen den schönsten Fußball in dieser Saison gespielt hat, und den menschelndsten Trainer hat und den gemütlichsten Manager und, nicht wahr, es endlich mal verdient hat. Oder es geht darum, dass Borussia Dortmunds Aufholjagd der vergangenen Wochen ein wenig befördert wurde von Elfmeterpfiffen, bei denen die Pfeife besser geschwiegen hätte. Je nach Sichtweise kann es auch darum gehen, dass der FC Bayern doch nie und nimmer diese Meisterschaft gewollt hat, dass doch nicht richtig sein kann, wenn eine Mannschaft, die sagt, im Umbruch und Aufbruch zu sein und zwischendurch dem Zusammenbruch nah war, den Titel erschleicht. So ist das mit gefühlten Meisterschaften und – nebenbei, das ist ja auch der Stoff, über den wir älteren Herren uns tagelang, wochenlang, eine ganze Saison lang auf wunderbarste Weise ereifern können. Entscheidend dabei ist, dass man den Ball nie flach halten darf bei diesen wunderbar subjektiv gefühlten Meisterschaften.

Reale Meisterschaften sind anders, die werden nur anfangs erträumt und dann eine lange, lange Spielzeit erarbeitet. Am Ende hat der gewonnen, der am Ende oben steht. So einfach ist das. Oder anders ausgedrückt: Hat irgendjemand Bayer Leverkusen gezwungen, daheim gegen Werder Bremen zu verlieren und in Nürnberg auch? Hat ein geheimnisvoller Fußball-Gott angeordnet, den fast schon gesicherten Titel in wenigen Tagen zu verschludern? Oder Dortmunds Elfmeter. Was haben die entschieden? Nichts wirklich Entscheidendes, weil wir sonst jedes Spiel, jede Fehlentscheidung, jedes umstrittene Abseits ins Kalkül ziehen müssten. Wollen wir das? Das wollen wir nicht, wir sind Romantiker!

Ist ja auch nicht so, dass Borussia Dortmund nur Unansehnliches gespielt hat in der abgelaufenen Spielzeit. Das prickelte ja mitunter auch wie in Leverkusen, wie Champagner. Dass der Borussia dann ab und an mal die Getränke ausgegangen sind, ein Grund, ihr die Meisterschaft nicht zu gönnen, ist das nicht. Ist ja auch kein Argument, sie Leverkusen nicht zu gönnen, diese Partie gegen Bremen, als Bayer statt Champagner abgestandene Brause aufgefahren hat. Nicht mal Bayern München wäre zu schelten gewesen, na ja, aber nur ein bisschen. Meister ist, wer am Ende oben steht. Und der hat’s dann auch verdient. Borussia Dortmund ist Deutscher Fußballmeister 2002, das ist nur gerecht. Bayer Leverkusen ist Zweiter, die Ungerechtigkeit daran ist nur gefühlt. Das macht’s auch nicht leichter.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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