Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 1. SPIELTAG

Wie, was, hatte gestern in Mönchengladbach Hans Meyer zurückgefragt, als er an den Auftaktsieg seiner Borussia gegen Bayern München in der Vorsaison erinnert wurde. Wie, was, der Sieg ist doch jetzt Vergangenheit, oder? Wohl wahr und wohl schön, dass Gladbachs Trainer seine aus der Vergangenheit bekannte Gelassenheit bewahrt hat. Daran wird sich hoffentlich nichts ändern, trotz der Erwartungen, die seine Mannschaft gegen die Bayern geweckt hat.

Wenn ich’s recht überblicke und all die Statements vor diesem Wochenende vergleiche, dann dünkt mir dieser Meyer der einzige gelassene Mensch in der ganzen Liga, der einzige, der mit purer Lust und ohne Leiden in die neue Saison startet. Die anderen, so haben sie von Nord bis Süd und Ost bis West, verlauten lassen, verspüren, na was? Genau: Druck. Und es scheint Tiefdruck zu sein, die Stimmung verhagelnder Tiefdruck, wo doch eigentlich alles trotz staatsanwaltlichen Donnergrollens nach Hochdruck riecht: diese erstaunliche und erfreuliche WM, diese erstaunlichen und erfreulichen Perspektiven, die die jungen Nationalspieler dem deutschen Fußball aufgetan haben - herrje, das kann doch für nahezu alle Klubs eine wunderbar entspannte Saison werden. Oder anders: Muss Borussia Dortmund den Titel verteidigen? Wird von Bayer Leverkusen die Meisterschaft erwartet? Wird Schalke 04 mit dem Trainerneuling Neubarth wirklich nicht verziehen, wenn es nur den Uefa-Cup erreicht? Und so weiter und so heiter, weil es doch wirklich nur zwei Mannschaften gibt, die unter Druck stehen, mehr zu erreichen als die Lächerlichkeit: Hertha BSC, wo sie sich schon wieder derart die Sporen gegeben haben, und nun endlich einmal dem hauptstädtischen Anspruch, der nach Platz drei und besser schreit, gerecht werden müssen. Man hat’s nur nicht gesehen gegen Borussia Dortmund am Freitag, nur dass Borussia den Titel nicht verteidigen muss, sondern Geschenke verteilen möchte. Bayern München, das sich keine zweite Auszeit mehr leisten kann, das sich von störenden Altlasten mit n Effenberg befreit hat, das einen Kader gekauft hat, von dem Real Madrid träumt und Manchester United auch. Man hat’s nur nicht gesehen gegen die Gladbacher, nur dass sich die Bayern von der WM haben inspirieren lassen: Kahn von sich selbst, der Rest von Saudi-Arabien. Und nun haben sie Druck: Hertha kleinen Druck, Bayern schon größeren. Zu erwarten ist in der kommenden Woche am Fuß der Alpen kein staatsanwaltliches, sondern schon nach dem ersten Spieltag und dem kläglichen 0:0 ein kaiserliches Donnergrollen. Kann ja nicht jeder Hans Meyers Gelassenheit haben.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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