Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 9. SPIELTAG

Könnte es ganz einfach mal sein, dass der Charme der Exotik endlich ist? Dass nicht Trainer Eduard Geyer schuld ist am Niedergang des Bundesligafußballs in der Lausitz, auch nicht die Spieler verantwortlich sind, sondern es lediglich die ErstligaWirklichkeit ist, in der kein dauerhafter Platz sich findet für Energie Cottbus? Und wenn das so ist – was ist daran schlimm? Der VfL Bochum kennt sein Schicksal, der FC St. Pauli, Hannover 96, Energie Cottbus passen in diese Reihe. In die der Vereine, die wandern zwischen den Welten, mal oben sind und dort eine Zeit lang wunderbar leben. Mächtig stolz sind sie dann, und mitunter – wie die Jungs aus Cottbus – werden sie sogar kultig.

Kulte vergehen, und dann steigen diese Vereine wieder ab, und seine Anhänger können wieder anfangen, sich auf den nächsten Coup zu freuen. Die haben ja nicht geschlampt in Cottbus, die haben ja alles richtig gemacht im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Aber nun ist alles so krampfig, so furchtbar krampfig, dass es schon nicht mal mehr reicht für Hertha BSC, jenen Gegner, der in der Vergangenheit immer eine Bank für Cottbuser Punkte war. Es ist ein bisschen wie beim verhunzten Schuljahr, da kann das Sitzenbleiben auch mal Krämpfe lösen und die Freude wieder wecken.

Nein, es ist nicht tragisch, wenn Energie absteigt, es kann nur tragisch werden, wenn die Cottbuser darüber den Kopf verlieren. Wenn sie den Trainer auswechseln. Wenn sie jetzt verzweifelt jemanden kaufen gegen die Verzweiflung. (Mal abgesehen davon, dass das nicht geht, weil sich eher ein Kamel durchs Nadelöhr zwängt, als dass ein Großinvestor Geld pumpt in Lausitzer Fußball.) Wenn sie ins Lamento verfallen, weil die Fußballwelt aufgeteilt ist in Große und Kleine. Das war auch gegen Hertha zu beobachten, wo der Bereicherungsfaktor für die Liga sehr gering war. Der Charme, die Erotik des struppigen Underdogs ist verbraucht. Mehr hat er nicht mehr zu geben, Ohne Spaß kommt auch Kampfkraft nicht mehr auf. Kurz vor Schluss wurde der einst in Ansätzen fulminante Miriuta ausgewechselt, ausgelaugt, ideenlos, kraftlos. Der war fast zwei Jahre der Protagonist des Cottbuser Zustandes, sein Abgang wirkte, als sei er es auch jetzt. Schön war die Zeit, jetzt ist sie vorbei. Es wird nicht für immer sein.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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