Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 15. SPIELTAG

War ja nicht so überzeugend, was unsere so fulminant aufstrebende Hertha aus der Hauptstadt beim FC Bayern München geboten hat. Das mit der fulminant aufstrebenden Hertha meine ich gar nicht ironisch, weil da in Berlin was wächst, was wachsen soll. Nur von Wachstum war gestern wie schon beim traurigen Kick gegen Bremen nicht viel zu sehen. Es ist auch so, dass sie uns schon lange erzählen, mindestens die dritte Kraft des deutschen Fußballs werden zu wollen. Das letzte Mal Anfang der Saison, und das sehr vollmundig. Und nun präsentiert sich Hertha als Schwellenklub: Immer knapp davor, aber dann kommt die Schwelle, und Hertha schreckt zurück. Warum bloß?

Was die Hertha hat, ist unstrittig ein gutes Management. Sie hat bald ein neues Stadion, da soll immerhin nicht weniger als das WM Finale 2006 gespielt werden. Sie hat ein Publikum, das was geboten haben möchte und für diesen Fall auch in Scharen käme. Der Trainer, Huub Stevens? Der hat seine Qualitäten anderenorts unter Beweis gestellt. Auch hat Hertha den Quantensprung vollzogen und mit dem Ankauf einer kleinen brasilianischen Großkolonie eine Aggregatveränderung im Mannschaftsgefüge angestrebt. Sie hat alles richtig gemacht, die Hertha und der Hoeneß, Dieter, und verzichtet – auch das ist auf der Habenseite zu verbuchen – auf Mätzchen wie die Kleiderfrage des Trainers.

Was sie nicht hat, ist Konstanz, ist die Bank, auf der Kräfte sitzen, die im Bedarfsfall kongenial einspringen können, sie hat keine Balance und keine Zeit. Die fehlende Balance ist in jedem Spiel zu beobachten, in dem die Schere zwischen Marcelinho und seinen eher biederen Mitstreitern aufklafft. Gestern war es wieder der Brasilianer, der die einzige Torchance für Hertha besaß. (Das kann gefährlich werden, wenn der gute Mann nicht nur schön, sondern auch erfolgreich spielen möchte – dann ist etwa in Dortmund gewiss genug Geld da für mehr als einen Flirt, und in Leverkusen wird sich der Bayer-Konzern die Mittelmäßigkeit auch nicht lange gefallen lassen.) Aber hätte man mit diesen biederen Mitstreitern verfahren können wie mit Alttrainer Röber, ihnen Dank sagen können fürs Geleistete und sie verabschieden fürs Angestrebte? Vielleicht wäre es richtig gewesen, ganz sicher hätte es Mut gebraucht, womöglich den Mut von Hasardeuren.

Zeit also. Zeit braucht die Hertha. Kriegt sie die in einer Stadt, die die Nase voll hat vom Provisorium? Sie wird sie kriegen müssen. „Es entsteht etwas“, dieser ärgste Feind der Ungeduld, wird noch ein wenig länger Herthas Motto sein.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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