Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 19. SPIELTAG

Wahrscheinlich war es nur Zufall am Samstag im Stuttgarter Stadion, als die Fans des VfB voller Glück über den Sieg gegen Hertha sangen: ’Steht auf, wenn ihr Schwaben seit’, und Trainer Felix Magath, ein Franke aus Aschaffenburg, sich tatsächlich erhob. Aber hübsch und bemerkenswert ist so ein Bild natürlich schon, weil Mutationen eines Trainers sich ja ruckzuck vollziehen. Dem Magath hätte man vor kurzem auch noch nicht geweissagt, einmal Liebling der Massen zu sein. Und mit dem Urteil, er sei ein guter und erfolgreicher Trainer, hätte man sich doch wohl auch zurückgehalten.

Und dem Klaus Toppmöller, umgekehrt? Hätte man dem vor einem halben Jahr prophezeien können, bald erfolglos zu sein und vor dem Abschuss zu stehen? So schnell kann’s gehen, und dann hilft auch nicht, dass das, was sich da in Leverkusen bei Bayer abspielt (und mutmaßlich beim Sonntagsspiel in Dortmund fortsetzt), dass das, herrje, dem miesesten Groschenroman zu entstammen scheint. Als Drehbuch würde es wohl im Papierkorb landen, weil es zu unrealistisch ist, wenn einer nie Glück hat im Leben.

Erklärungen? Erklärungen für die plötzliche und vermeintliche Ahnungslosigkeit von Leverkusener Spielern, von Toppmöller, von Manager Calmund gibt es nicht. Tatsächlich wissen sie alle schon noch, was sie tun, und haben sich auch keine Fehler vorzuwerfen (das unterscheidet das Leverkusener Krisengebiet vom Pfälzer Katastrophengebiet). Spieler wie Franca oder Simak wird man ja wohl kaufen dürfen, hatten andere schließlich auch vor, weil beide eigentlich gut sind.

Aber fürs ’eigentlich’ gibt es leider keine Punkte. Eigentlich gehört Bayer Leverkusen auch nicht dorthin, wo es steht in der Tabelle. Und das genau wird das Problem der nächsten Wochen werden: Im Kampf gegen den Abstieg kennen sich Calmund und Toppmöller aus, beide spielen nicht, und die, die spielen, sind die, die vor kurzem noch als die Ästheten des Balles galten. Ästheten gewinnen keinen Kampf gegen den Abstieg, Ästheten sterben in Schönheit.

Und Trost? Gibt es wenigstens Trost für das Team, das uns im Vorjahr doch alle erfreut und begeistert hat? Eigentlich schon, weil es das ja in der Wirklichkeit nicht gibt, dass jemand nie Glück hat im Leben. Und wenn es FußballGötter gibt, dann scheinen sie Großes mit Bayer vorzuhaben, sehr Großes, weil sich die Jahre des Leidens doch eigentlich irgendwann ausgleichen müssen. Allein, das hatten wir ja schon, aufs ’eigentlich’ ist kein Verlass.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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