Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 22. SPIELTAG

Man muss trotz aller Unebenheiten des Spiels schon gewaltig um die Ecke denken, um noch traditionsbeladene Rivalität zwischen Schalke und Borussia Dortmund zu entdecken. Etwa so: Die Schalker haben den Dortmundern gestern die letzte Chance auf den Titel zu vermiesen versucht und 2:0 geführt. Na gut, aber wie passt ins gelbblaue Feindbild die Schalker Nachgiebigkeit, mit der sie den Gegnern die Rückkehr ins Spiel gestatteten bis zum Remis? Feinde sind nicht nachgiebig.

Nein, nein, die Meisterschaft ist wohl dennoch gelaufen, und die Sache mit den ganz großen Emotionen zwischen den Nachbarn ist es auch. Oder will jemand den strunzdummen Infight zwischen dem Nigerianer Agali und dem Brasilianer Dede als Revierkampf werten? Ansonsten war das 121. Derby ein wildes Fußballspiel, eins zwischen Konkurrenten um Platz zwei, entsprechend nickelig, entsprechend hektisch und nervlich auf jeden Fall zu viel für Torwart Lehmann und Kollege Amoroso. Für Kulturpessimisten war es ja eh nichts, es wurden keine Grubenlampen entzündet, es hüpften ansehnliche Cheerleaders des Düsseldorfer Footballteams Rhein Fire durchaus programmatisch über den Rasen. Doch, man muss schon tief schürfen, um noch Bergmannsherrlichkeit zu finden. In Dortmund zum Beispiel unter dem Westfalenstadion, und wenn man da lange genug gräbt, findet man dort den Flöz Dünnebank. Darüber steht jetzt das Stadion, steht ein 800 Quadratmeter großer Fanshop und haben im vergangenen Jahr 326 Angestellte einen Jahresumsatz von 150 Millionen Euro verwaltet. Und auf Schalke kann man die Historie im Museum besichtigen, Eintritt: 3,10 Euro. Schalke hat auch schon 400 Angestellte und einen Umsatz von etwa 100 Millionen Euro, Schalke eifert der Borussia nach.

Kurzum: Das 121. Derby war der Vergleich von Konzernen mit Folklore im Briefkopf und Kalkül im manchmal heißen Herzen. Und dauert uns das, geht uns die Tümelei ab? Nicht wirklich, es ist, wie es ist, und keine Träne der Schalker Modernisierung. So treten Gleichgesinnte gegeneinander an. Die Folgen von zu viel Übermacht können wir in München beobachten. Dort spielt der Meister, dort macht der Teufel auf den dicksten Haufen. Im Revier sind beide Haufen gleich dick, da muss sich der Teufel nicht entscheiden.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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