Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 27. SPIELTAG

Auch auf die Gefahr hin, griesgrämig zu wirken: Wäre es nicht doch wirklich am besten, wir würden die Saison abpfeifen? Den Meister aus München feiern (trotzdem), den Zweiten aus Dortmund (auch trotzdem) und für die restlichen internationalen Begehrlichkeiten konsequenterweise die Würfel werfen? Weil ab Platz zwei ohnehin das eher Zufällige und Unbeständige das beherrschende Moment der Spielzeit zu sein scheint – nicht wahr Hertha? Vielleicht hat ja Rudi Völler diese Woche einen Teil der Erklärung geliefert, dass die Bundesliga nach dem Rausch der WM derzeit so verkatert daherkommt, so durch und durch medioker – wenn man sie schönredet. „Es gibt keine Kleinen mehr“, hatte der Teamchef gesagt, nachdem die mittleren Litauer sein Team blamiert hatten. Das mag ja stimmen, aber dummerweise gibt es noch die Großen, und weil wir bei denen zurzeit nicht mitspielen dürfen, wirkt das meiste der Liga so schrecklich genügsam. Gestern auch in Dortmund, wo es gegen Werder Bremen ging.

Da war eine Borussia, die eine Halbzeit tat, was nötig ist, um Platz zwei zu halten, und dabei unterstützt wurde von Bremern, die taten, was nötig ist, um nach unten durchgereicht zu werden in der Tabelle. Möglicherweise liegt es bei denen daran, dass sie vergessen haben, wie sie in der ersten Halbsaison die Kraft aus der Ruhe ihrer Provinz gezogen hatten und nun ihre Micouds und Ailtons großes Theater auf einer Bühne spielen wollen, wo es nicht hingehört. Aber egal, bezeichnenderweise für den Zustand deutschen Ligafußballs 2003 war Halbzeit zwei. In der tat Borussia streckenweise alles, was nötig ist, um irgendwelche Ambitionen auf was auch immer zu verschleiern. Nicht mal die zufälligen Bremer konnten verhindern, dass sie den Ausgleich erzielten.

Und dann war danach eine Borussia, die der vorherigen Genügsamkeit hinterher rannte. Manchmal hübsch anzusehen – auch weil Werder ans blinde Huhn gemahnte, allerdings an eins, das nicht mal ahnt, wo das Korn zu suchen ist, und es am Ende doch noch fand, natürlich zufällig. Und doch wird Borussia womöglich schlussendlich Zweiter, weil Unbeständigkeit sich zu lohnen scheint in diesem Jahr. Ist in Leverkusen nicht das gleiche Phänomen zu beobachten, wo Manager Calmunds gewürfelte Personalentscheidungen erstmals einen Sechser zeigten? Abpfeifen wäre wirklich das Beste, am Ende glauben wir noch, es gäbe doch noch Kleine im Fußball. Uns nämlich.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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