Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 1. SPIELTAG

Nach sieben Minuten stellte gestern Marcio Amoroso fest, dass sein Schuhwerk untauglich war fürs Hamburger Geläuf. Nach siebeneinhalb Minuten stellte Kollege Dede fest, dass die Bindung seines Schuhwerks Nachbesserung bedurfte. Man muss wohl nicht aus diesen kleinen Szenen schlussfolgern, dass es manchem Dortmunder Profi an der notwendigen Ernsthaftigkeit in der Vorbereitung mangelt. Kann man sich andererseits vorstellen, dem Spieler Matthias Sammer wäre dergleichen unterlaufen? Nie im Leben, und unter diesem Aspekt könnten sich solch kleine Lässlichkeiten zum großen Dilemma auswachsen. Weil der Trainer Sammer nämlich mitunter vor seine Dortmunder Borussen tritt, als fordere er von ihnen, wie der Spieler Sammer zu sein.

Man kennt dergleichen aus der deutschen FußballHistorie. Als der Teamchef Franz Beckenbauer weiland 1986 bei der Weltmeisterschaft in Mexiko seine Mannen betrachtete, strafte er sie mit wegwerfenden Handbewegungen. Allerdings haderte der nicht mit dem Schuhwerk, sondern demonstrierte im Halbschuh, dass er weit besser als alle anderen mit dem Ball umzugehen verstand. Mit kontraproduktivem Ergebnis fürs Zusammenspiel von Trainer und Mannschaft.

Der Trainer Sammer hat dieser Tage erklärt, er müsse jetzt als „Drecksau“ auftreten und seine Spieler zusammenstauchen, weil sie in der Vorwoche daheim gegen Bremen verloren hatten. Ob die Botschaft ankam? Gut, fein ging es - in Tateinheit mit einem schwachen Schiedsrichter - nicht zu bei HSV versus Borussia. Dafür auf Seiten der Borussia so aufgeregt, wie der Trainer stets ist. Es fehlte eindeutig die Linie. Sammer auch? Will sagen: Der Mann ist noch jung im Job, ist sozusagen Trainer im zweiten Lehrjahr. Und das wirkt, was Wunder, doch ab und an nach. Ein Musterschüler, gewiss, und auch nicht mit seinem Latein am Ende, aber manchmal im Unklaren, welches Kapitel denn nun dran ist - die Empörung der vergangenen Woche war es auf jeden Fall nicht.

Beim HSV war Borussias Spiel von Verunsicherung geprägt, war Passivität vorherrschend, die nach Angst vor Verantwortung aussah, war Ratlosigkeit Kennzeichen. Und das bei einem Team, das in dieser Saison als einziges in Europa dem Team der Weltbesten, den Göttern Reals, ernsthaft Paroli geboten hat. Nun ist nach dem von fassungslos leichtfertigen Hamburgern allenfalls gewährten Remis der Champions-League-Platz gefährdet. Sammer wird toben und zetern. Ob da ein Zusammenhang besteht?

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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