Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 32. SPIELTAG

Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Hertha gern. Gibt ja immer was Neues zu bestaunen im Berliner Olympiastadion, jetzt ist das Dach drauf, schön. Mir schwant allerdings, mit der gebotenen Vorsicht des entfernten Betrachters, mir schwant also, dass die Hertha nicht recht Schritt hält mit der Baustelle, sie werkelt noch am Fundament. Das sollte stabil sein, das ist es nicht bei der Hertha.

Herrje, der Rehmer ist doch Nationalspieler und wieso steht der dann meterweit entfernt, wenn Elber köpft? Und wieso guckt Simunic nur zu, wenn Pizarro spielt? Warum steht Torwart Kiraly irgendwo rum, wo er nicht stehen darf, wenn die Bayern angreifen? Hat Hertha eine Abwehr? Was war das gestern gegen die Bayern? Ein Zusammenbruch? Eine Tracht Prügel? Fragen über Fragen, und die Antwort auf alle ist schlicht und bitter: Hertha BSC ist keineswegs da, wo Hertha zu sein glaubt.

So etwas habe ich noch nie gesehen, wie eine Mannschaft binnen weniger Minuten sich derart auflöst. Das ist ja kein Abstiegskandidat, das soll ja die kommende Kraft sein im deutschen Fußball, das hat man doch vorher mit Recht behaupten dürfen, dass Hertha zu den Mannschaften gehört, die dem FC Bayern Paroli bieten können. Und nun?

Und nun muss ein neues Konzept her. Müßig ist es, darüber nachzudenken, ob und welche Fehler gemacht wurden in der Vergangenheit, hilfreicher ist es, künftig keine mehr zu machen. Da ist Skepsis erlaubt, wenn man die Namen hört, die demnächst Debakel verhindern sollen. Der Bielefelder Wichniarek? Da fehlt mir etwas die Idee, die dahinter steht. Leverkusens Neuville? Der war in dieser Saison auch nicht gerade auffällig als Führungskraft, der läuft mit, aber selten voran. Das aber fehlt der Hertha, mit aller Vorsicht des entfernten Betrachters.

Wo ist da einer, der Stabilität verkörpert, ausstrahlt, vermittelt? Marcelinho ist das nicht, der ist Schönspieler, aber kein Führungsspieler. Das, vermutlich, dürfte entscheidend sein auf Herthas Weg zum adäquaten Team vor imposanter Kulisse: Ob sie es schaffen, mal eine Mannschaft zu bauen, die ein Gesicht hat, und nicht, wie in dieser Saison, an diesem Spieltag nur diese Miene und an jenem eine andere. Ein Gesicht, ein konstantes Gesicht. Dann können auch die Züge nicht so grausam entgleisen wie gestern.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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