Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 33. SPIELTAG

Es gibt ja auch im Fußball eine Zeit für die Romantik und eine für die Pragmatik. So gesehen war es auch ganz in Ordnung, dass sich die einstigen Romantiker von Bayer Leverkusen nach Wochen des Nonsens aufs Notwendige besonnen haben und wenigstens die erste von zwei letzten Chancen wahrten. Es ist allerdings unterm Strich dieser Saison keineswegs in Ordnung, dass diejenigen, die Fußball nicht nur vom Ende her definieren, arg zerzaust wurden. Soll es tröstlich sein, dass dies kein deutsches Prinzip war, sondern es auch international mit lautem Gebrüll gegen die Ästheten des Spiels ging? Zuletzt musste Real Madrid dran glauben, gegen Juventus Turin, das eine Saison alles getan hat, um einem die Freude am Fußball zu vergällen. Wohingegen Real – ach ich verliere mich in der Schwärmerei.

Warum auch nicht? Ist es verwerflich, albern gar, wenn man fordert, dass uns die Spiele auch gefallen dürfen? Statt dessen: Der FC Bayern startete als weißes Ballett in die Saison, zauberte, bis die Schönheit in der Champions League einen jähen Tod starb, und verfiel anschließend in der Liga auf die Zweckmäßigkeit. Mit Erfolg natürlich, das ist ja das traurige. Oder Bayer, die Idealisten eines schönen Fußballs in der Vorsaison – verprügelt von einer grausamen Wirklichkeit mit trotz des Sieges weiterhin ungewissem Ausgang. Ist es das, was am Ende als Bilanz dieser Spielzeit festzuhalten ist: Dass kein Platz mehr ist für Träumereien und Träumer, dass der Wunsch nach ansehnlichem, offensiven Spiel nur noch eine Illusion ist?

Um etwaigen Missverständnis vorzubeugen, dies ist kein Plädoyer für feinsinniges Spiel bis zur Selbstaufgabe. Romantik muss auch im Fußball den Hauch von Erfüllbarkeit haben, sonst verkümmert sie zur pubertären Schwelgerei. Aber ein wenig Balance zwischen Zweck und Freude darf doch wohl sein. Mag ja sein, dass man mit Mailänder oder Turiner Zynismus in dieser Saison die Champions League gewinnt, dass man allein mit dem Leverkusener Herzen des Vorjahres absteigt und mit Münchner Nüchternheit Meister wird – indes, ich fürchte, dass noch so ein Jahr voller Mittelmaß das Publikum kein zweites Mal durchgehen lässt.

Und wo bleibt die Hoffnung? Die lebt, weil Juventus schon Leidenschaft brauchte, wenigstens einmal, um Reals Romantiker rauszuwerfen. Die lebt auch, weil auch in der Bundesliga die Unbekümmertheit noch nicht aufgegeben und beim VfB Stuttgart Heimat gefunden hat. Auf dass die nächste Saison die Zeit für die Romantik anbricht.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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