Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER LETZTE SPIELTAG

Schön, sie ist vorbei die Saison, schön, dass sie vorbei ist. Man muss wahrlich kein Beckenbauer sein, kein Geist, der stets verneint, um dieser Spielzeit das baldige Vergessen zu wünschen. Der Beckenbauerfranz hat sich dieser Tage nämlich auch zur Spielzeit geäußert, höchst unzufrieden sei er damit man kann ihn dieses eine Mal verstehen. Ist es müßig, noch einmal darauf hinzuweisen, dass Deutschland im vergangenen Sommer im Grunde ohne Grund ins WM-Finale von Yokohama einmarschierte?

Vielleicht ist es müßig, aber ziemlich mäßig war es, dass nach diesem Ereignis der deutsche Ligafußball doch arg in Selbstgenügsamkeit verfiel, gerade so, als stünde er im Zentrum der Welt. Und dort drehte er sich um sich selbst. Man kann es auch so ausdrücken: Man konzentrierte sich auf alles, nur nicht auf Fußball, aufs P 1 in München, auf Fernsehrechte, auf Faustkämpfe im Schalker Training, auf die Berliner Karnevalstauglichkeit eines Brasilianers, auf die gestammelten Verse eines alternden Menschen namens Effenberg, undundund, nur nicht auf Fußball.

Das muffige G’schmäckle

Das hat ja - immerhin konsequent - angehalten bis zum bösen Ende und der von Nürnbergs Präsidenten Roth losgetretenen unsinnigen Diskussion, ob und warum, besser: warum nicht, man beim Club Widerstand leisten solle gegen Leverkusener Nichtabstiegsbemühungen. Nun wird nach Betrachtung des Spiels Vorsatz in der Nürnberger Niederlage schwer nachweisbar sein.

Und dass die Arminia aus Bielefeld darunter zu leiden hatte und gehen muss, nun gut, das wird die Fußballrepublik in ihren Grundfesten nicht wirklich erschüttern, aber das muffelige G’schmäckle, das da der Roth beim 1. FC Nürnberg abgesondert hat, das wird bleiben.

Ob’s gerecht ist für die Leverkusener, ob der Fußballgott sich dann endlich doch noch Calmunds Leid erbarmt hat, nachdem er die Mannschaft des Vorjahres so schnöde verlassen hat? Ich bin da eher unsicher, spricht mehr dafür, dass der Fußballgott, wenn es ihn gibt, sich vor dieser Saison schon frühzeitig mit Grausen gewendet hat. Das war ja nicht alles Schicksal, was Bayer widerfuhr: Gut, ja, erst hatten sie alles Pech der Welt mit der Verletzung von Jens Nowotny. Dann hatten sie alle Hypotheken der Welt abzuleisten, weil sie die ganz normalen, weil leistungsorientierten Abgänge von Ze Roberto und Michael Ballack zu verkraften hatten. Aber dann haben sie alle Fehler der Welt selbst gemacht. Toppmöllers Realitätsverlust, Hörsters Gesichtsverlust, Kohlers Profilierungsproblem, Latteks was-auch-immer-für-ein-Problem – alles initiiert von Calmunds wiederkehrenden Panikattacken. Bayer Leverkusen, der Meister der Schmerzen, mit Spaß und Freude aber hatte das alles nichts zu tun.

Hertha war schon mal weiter

Zwischenzeitlich hatte man ja annehmen dürfen, Spaß und Freude seien in Zukunft beim VfB Stuttgart zu finden. Und in der Bilanz sieht das ja noch heute so aus mit der Qualifikation zur Champions League. Welch erfreuliche Illusion war das: Ein aus der Finanznot kreiertes Jugendmodell kümmert sich um nichts, außer um Fußball und hat Erfolg damit. Allein, dergleichen reicht für eine Saison, aber wenn man diesen ersten munteren Schritt macht und den zweiten verweigert, dann kommt man nicht voran, dann läuft man Gefahr, dass einem die besten Kräfte verlustig gehen. Noch ist Trainer Felix Magath in Stuttgart, noch. Noch freut man sich in Stuttgart über das Erreichte, noch, aber Stagnation kündigt sich an und die hat uns doch schon in dieser Saison bei Schalke genervt, bei Werder Bremen nach tollem Beginn und bei Hertha BSC, oh ja, gerade bei der Hertha. Die macht ja seit Jahren lediglich den ersten Schritt. Dass der in dieser Spielzeit nicht rückwärts führte, haben sie in Berlin nur der Bremer Lustlosigkeit zu verdanken. Uefa-Cup-Platz von Werders Gnaden, da, dünkt mir, war die Hertha aus Berlin schon mal weiter.

Wie der gesamte deutsche Fußball. Das ist ja kein Fortschritt, dass Bayern München mal wieder den Briefkopf ändern darf, das ist aber schon mehr als ein Rückschritt, das ist schon ein Flickflack, wie die deutschen Mannschaften in Europa vermöbelt wurden. Aber nun ist es ja vorbei, schön, das es vorbei ist. Schön auch, dass der stammelnde Literatenersatz bald in Katar ist, irgendwann dürfte auch Oliver Kahn seine Pubertät überwunden haben, irgendwann wird auch mal wieder Planung statt Panik die Manager leiten. Hoffen wir, dass es bald passiert.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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