Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 4. SPIELTAG

Was soll man nun sagen zur Hertha? Gewiss, es gibt Spiele, das sind von vornherein hundsgemeine Spiele, weil es bei ihnen nichts zu gewinnen gibt, sondern nur eine Pflicht zu erfüllen ist. Frankfurt versus Hertha, das hat man ja eigentlich als Synonym für ein 0:3 zu lesen gehabt, die Frankfurter sind hinten nicht gut, in der Mitte nicht gut und vorne ganz schlecht – und Hertha ist Hauptstadt, ist Anspruch und Zukunft. Es gab also nichts zu gewinnen gestern im Waldstadion – aber deswegen muss man doch nicht gleich alles verlieren. Restvertrauen, Reputation, so was halt.

Was zum Teufel ist bloß los in Berlin? Die Mannschaft kämpft, sie spielt meistens diszipliniert, sie erarbeitet sich Chancen, indes, sie trifft das Tor nicht. Trifft irgendjemand den Ton nicht in Berlin? Muss wieder einmal dieser vermaledeite Druck herhalten, der Profis ängstlich macht, wenn Großes von ihnen erwartet wird? Bitte das doch nicht, die Hertha war es doch selber, die geklingelt hat vor der Saison und die gezielter eingekauft hat als sonst irgendein Klub in der Liga.

Was stimmt dann nicht? In Frankfurt haben Bart Goor und Pal Dardai eine Viertelstunde vorgemacht, wie die Monokultur Marcelinho zu überwinden, wie die Armut zu besiegen ist, wenn der Spielmacher fehlt. Ganz einfach: Sie übernahmen Verantwortung – warum nur 15 Minuten? Für den Job waren ja Fredi Bobic und Niko Kovac geholt worden, die haben aber zu viel mit sich zu tun, das kann passieren, das muss vergehen.

Was noch? Man tuschelt in Berlin, dass nicht alle im Team elf einig Freunde sind, dass manch einer dem Emporkömmling Arne Friedrich wenig freundschaftlich gegenübertritt. Aber hat man nicht wegen teaminterner Rangeleien gerade Alex Alves weggejagt? Wer hat da wen und was nicht im Griff?

Dass der Trainer Huub Stevens ein Fachmann allererster Güte ist, kein Zweifel darüber. Allerdings auch kein Zweifel darüber, dass sein Verhältnis zu den Medien nicht so ganz kuschelig ist. Dergleichen spricht sich rum bei Spielern und ist nichtig im Erfolg und ein Alibi für Spieler im Misserfolg. In diesem Zusammenhang könnte mal jemand auch das Management bei Hertha daran erinnern, wie ertragreich und anregend sich eine überaus kritische Münchner Presse für Vorbild und Geistesbruder FC Bayern ausgewirkt hat. Aber vielleicht ist alles ganz anders und müssen nur Knoten platzen – möglich aber, dass bis dahin viele Kragen, zu viele Kragen platzen.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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