Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 7. SPIELTAG

Es geht nicht anders, „Live aus dem Stadion“ muss diesmal „Live vor dem Spiel“ sein – die Hertha will es so, die Hertha schreit danach. Wer derart innovative pädagogische Maßnahmen ins Spiel wirft, muss damit rechnen, genauer beobachtet zu werden. Dergleichen hat es ja noch nicht gegeben, dass ein Trainer seine Spieler einzeln und vor Publikum zur Sau macht, als säße man am Stammtisch – und zwar nach Mitternacht, nach ein paar Litern. Aber wenn’s denn hilft gegen den HSV.

Mal angenommen, es hilft nicht. Wie will Huub Stevens seine lahmen Männer dann noch auf Trab bringen? Die Prügelstrafe ist abgeschafft. Gehaltskürzungen? Gehaltskürzungen greifen vielleicht da, wo einer willentlich die Arbeit verweigert. Aber spielt die Mannschaft absichtlich schlecht? Dann müsste man sich ja fragen, warum.

Weiter angenommen, das Tribunal hilft nicht gegen einen zumindest in der Genesung befindlichen HSV. Wird dann noch ein Spieler sagen, man habe den Trainer im Stich gelassen? Sagen vielleicht, aber denken wird er, dass ihm so recht geschehen ist, dass er’s sich sauer verdient hat. Wohl gemerkt, dass die Mannschaft zu kritisieren ist, ist keine Frage, aber das macht man nicht öffentlich, stillos macht man sich keine Freude.

Bei aller Objektivität, es kann einem angst und bange werden um Hertha. So freudlos wirkt alles in der Krise, so trostlos. Ein Manager, der griesgrämig durch die Welt läuft, der eine IchAG führt im Klub und sein Misstrauen per Trainings-Überwachungskamera demonstriert. Ein Trainer, der den schlechten Völler mimt und auf Journalisten als Schuldige losgeht und mangelnde Einstellung der Spieler beklagt und sie an den Pranger stellt. Mittelalter. Wie bitte? Einstellung? Wessen Job ist denn die Einstellung? Der Job des Trainers. Dann sind da Spieler wie Kovac, der sich versteckt hinter der Aura des ehemaligen FC-Bayern-Spielers und dabei vergisst, was er mal konnte beim HSV. Kann man dem mal zur Bodenfindung mitteilen, dass der FC Bayern ihn freiwillig abgegeben hat? Und das alles spielt sich vor einem Publikum ab, das nicht mehr kommt, um zu unterstützen, sondern das erst einmal überredet und überzeugt werden will, dass die Unterstützung auch verdient ist. Ist sie nicht, sie wurde verschludert, und Marcelinho, der arme Kerl, wird auch nicht alles alleine machen können. Ach, ist das trostlos, ist das freudlos. Aber vielleicht hilft’s ja gegen den HSV. Nur Freude, die wird dann auch nicht aufkommen. Am Pranger lacht man nicht.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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