Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 14. SPIELTAG

Ist es nicht schon fast gespenstisch, was derzeit durch die Liga geht? Wo sind sie, die Mannschaften, die doch alle Jahre wieder so übermächtig erscheinen? Diese Bayern, denen wir nahezu lemminghaft die Meisterschaft zuschreiben, diese Dortmunder, die so wichtig für die Region zu sein scheinen, die selbst ernannten dritten Kräfte, die Schalker, die Berliner, die Hamburger, denen immer alles zugetraut wird? Wo sind sie? Zum Beispiel der HSV, gestern im eigenen Stadion Werder Bremen zu Diensten. Man muss das wohl so ausdrücken, wenn man die Leichtfertigkeit betrachtet, mit der die Hamburger den Bremern lange Zeit das Fußballfeld überließen. Aber vielleicht war es ja auch nur Träumerei, bis sich die Hamburger in der zweiten Halbzeit doch noch darauf besannen, dass Träume keine Tore schießen. Und vielleicht sind alle Vorschusslorbeeren und lieb gewonnenen Weisheiten nur noch ungültige Wahrheiten. Oder anders ausgedrückt: In Zeiten ungebremsten Brutalo-Kapitalismus ist ausgerechnet in der deutschen Fußball-Bundesliga ein Stück gelebter Marxismus zu beobachten: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Belege? Bitte schön: Mit Scheinen schafft der FC Schalke 04 ein ganz besonderes Bewusstsein, nämlich jenes, das die Gegenwart nicht zählt, sondern nur eine ungewisse Zukunft. Jedes Transferbegehren kann schließlich auch als Misstrauensvotum an die derzeitige Mannschaft gewertet werden. So spielt sie auch. Oder umgekehrt, der VfB Stuttgart – und eben Werder Bremen. Jeder Blick in die leeren Kassen musste das Vertrauen in die Bordmittel, in die vorhandenen Spieler, fördern. Und so spielen sie jetzt auch, die Jungen. Und dass so ein Junge, wie der Bursche Hinkel, nicht dem Lockruf des Geldes erliegt, ist fast schon die nächste Ohrfeige fürs Kapital. Das Sein, nämlich Erfolg und Spaß in Stuttgart, bestimmt sein Bewusstsein.

Zurück zu Werder. Dort spielt Johan Micoud, ein Prophet, der nichts gilt im eigenen französischen Lande. Und was macht er aus dieser Missachtung, was macht er aus diesem traurigen Dasein? Er müht sich Woche für Woche um den Gegenbeweis, sehr bewusst und sehr gekonnt. Es ist schon fast gespenstisch, wie da eine wackere Schar den Gesetzmäßigkeiten des 21. Jahrhunderts trotzt. Aber Spaß macht’s. Und vielleicht ist der größte Gewinn, den wir aus dieser Saison ziehen, dass wir künftig nicht mehr vorab den Bayern und Dortmundern die Meisterschaft verleihen. Die Liga lebt.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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