Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 15. SPIELTAG

Und warum nicht? Wo steht geschrieben, dass der SV Werder nicht Meister werden kann? Gut, gut, die anderen könnten noch was dagegen haben, der VfB Stuttgart mit seinem wunderbaren schwäbischen Wunder. Auch Bayer Leverkusen, und der FC Bayern München erst recht. Der hat es den Bremern ja gestern lange Zeit außerordentlich schwer gemacht und an der Weggabelung zwischen einer erfolgreichen Saison und einer verkorksten vielleicht gerade noch die Kurve bekommen. Wenigstens die Zeichen der Zeit haben die Bayern erkannt – mit vier Stürmern und einer Hand voll weiteren offensiv orientierten Spielern beim Titelkandidaten von der Weser aufzulaufen, zeugt a) von Mut und b) von der dringenden Notwendigkeit, Mut zu zeigen. Ob die Kurve wirklich gekriegt wird, wird sich am Mittwoch erweisen, in der Champions League gegen Anderlecht. Und wenn’s gelingt, werden sie Werder das Leben weiter schwer machen. Das dürfte Werder kaum beeindrucken.

Werder Bremen ist stabil, stabil, wie schon viele Jahre nicht mehr, stabil, wie die Eiche im Wind und stabil wie nur einer, der bodenständig ist und stolz darauf. Ein Loblied also auf die Provinz? Aber ja doch, unbedingt. Was derzeit passiert in Bremen, das ist so herrlich unglamourös, so wenig kompliziert, so beruhigend unaufgeregt. Kann man sich diese Baumanns und Ernsts nicht auch gut am Sparkassenschalter vorstellen, wie sie Überweisungsaufträge annehmen? Nicht, weil sie Langweiler sind, sondern weil sie tun, was getan werden muss. Oder Ailton, der mit brasilianischen Eskapaden so viel zu tun hat wie der Weserstrand mit der Copacabana, aber Tore schießt, auch gestern eins, als allwöchentliche Abschiedsgeschenke. Oder Micoud, der Gutes tut und nicht darüber redet? Torwart Reinke? Dem braucht man nur ins konzentriert entspannte Gesicht zu schauen, um sich ihm anzuvertrauen, dem wird auch ein Fehler wie der beim illegalen, weil aus dem Abseits erzielten Ausgleich, verziehen. Trainer Schaaf? Der Stoiker, der eine Saison mit einem Gesichtsausdruck auskommt wie weiland Kiews in Stein gemeißelter Trainer Lobanowski. Man könnte noch weitermachen, den Vorstand erwähnen, den kein Mensch kennt, den Manager Allofs, dessen Qualität allein schon hinreichend beschrieben ist, wenn man ihn mit Vorgänger und Lautsprecher Lemke vergleicht. Genug, hat man das Gefühl, dass Werder 2003 durch eine Niederlage aus der Bahn zu werfen wäre? Krisen gefährden nur labile Gebilde. Krisenfeste Gebilde können Meister werden.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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