Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 18. SPIELTAG

Was jetzt machen mit den Spielern der Dortmunder Borussia? Wegsperren? Augenklappen überstülpen und Ohrstöpsel stopfen? Mit beiden ist schlecht Fußball spielen, ohne aber derzeit auch. Besser wäre es schon, wenn die Spieler nicht mitbekämen, in welch jämmerlichem Zustand sich ihr Arbeitgeber befindet. Wie zu sehen war am Freitagabend in Westfalen, hilft nämlich auch die tollste Kulisse im tollsten Stadion nicht und nicht die tollsten Beteuerungen aus dem tollsten Präsidium, sich wegzuträumen aus der Realität. Stattdessen? Wie die Chefs, so das Gefolge. Zukunftsblind hat sich die Vereinsführung in den Schlamassel geritten, blind sich die Borussia dem Gelsenkirchener Nachbarn ergeben. Und nun? Nun haben sie einen Hoffnungsträger, der ein hoffnungsloser Fall geworden ist und sich mit dummem Tritt aus der Verantwortung stiehlt: Tomas Rosicky. Nun haben sie über 80 000 Fans, die in Treue fest zu ihrer Borussia standen und mit Trostlosigkeit belohnt werden. Wenn erst der Wundschmerz über die Niederlage gegen Schalke abgeklungen ist, wird sich der Blick auf diese Trostlosigkeit wenden und – dazu muss man kein Prophet sein – Wut erzeugen. Vielleicht besteht ja ein direkter Zusammenhang zwischen der Gier, sich voll zu fressen mit den teuersten Spielern und den teuersten Bauten bis hin zur Fettleber und der Gefahr, an der eigenen Gewichtigkeit zu ersticken. Sollte Schalke dann nicht gewarnt sein, statt die Borussia zu kopieren? Tragisch, was da in Dortmund passiert? Ja, tragisch für die Fans – und ansonsten? Ist Fahrlässigkeit tragisch?

Andererseits: Andere Stadt, anderer Klub. Und echte Tragik. Das nenne ich schon tragisch, wenn man bei Hertha zuletzt alles richtig gemacht hat – und nichts richtig hilft. Sie haben den richtigen Trainer geholt für die Laune, für die Taktik, für den Kampf. Sie haben sich rausgemüht aus der Lethargie und der allumfassenden Traurigkeit. Und sie haben lange gut gespielt gegen Werder. Dass sie dort nicht gewinnen würden, das war zu vermuten und wäre nicht dramatisch gewesen. Aber eine Klatsche? Die zerstört jedes gut gemeinte Lachen des Trainers, die nivelliert jeden Witz, die erschlägt jede Freude. Gerade weil in einer solchen Niederlage keine Fahrlässigkeit zu finden ist und Trost auch nicht. Was soll auch trösten? Dass Werder der Gegner war? Werder, das mit Genuss Patzer des FC Bayern beobachtet und keine eigenen zu machen scheint? Werder ist nicht Herthas Welt, Herthas Welt ist Finsternis. Jetzt sogar unverschuldete Finsternis.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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