Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 22. SPIELTAG

Von Helmut Schön, dem Bundestrainer der Siebzigerjahre, ist das Kompliment an seine Mannschaft überliefert: „Ach, macht doch, was ihr wollt.“ Die Mannschaft um Günter Netzer und Franz Beckenbauer machte. Und sie machte es gut, sie wurde Europameister. Mir ist nicht bekannt, dass Ottmar Hitzfeld seinen Bayern einen ähnlichen Freibrief zur Selbstständigkeit ausgestellt hat. Fast könnte man es glauben, weil die Herrschaften Spieler offensichtlich selber entscheiden, wann sie gewillt sind, Fußball zu spielen, und wann sie nur Lust haben, den Notstand zu verwalten. Gegen Real Madrid Fußball und gegen den VfL Wolfsburg Dienst nach Vorschrift, oder wie?

Was eine große Mannschaft ist, die zeigt Woche für Woche, dass sie die beste ist. Macht übrigens Real an nahezu jedem gewöhnlichen Spieltag in den Mühen der spanischen Ebene. Der FC Bayern hat doch gewiss den besten Kader hier zu Lande. Aber zu sehen bekommt man das im Alltag nicht. Ist das nicht das gravierendere Thema des FC Bayern, als die Frage, ob Oliver Kahn nun nicht mehr gigantisch ist? Nur am Rande, das war er nie, er war nur der weltbeste Torhüter, und das ist er wahrscheinlich noch immer. Trotz Fauxpas. Und er hat beim Kullerball exakt so viel Schuld auf sich geladen wie die Stürmer, die Großchancen vertan haben.

Was also ist zu halten von einem Team, das Motivation nur noch aus Fußballmessen zu ziehen scheint? Man erwartet ja nicht, dass es immerzu über seine Verhältnisse spielt, aber doch wenigstens im Rahmen seiner Möglichkeiten. Gegen den VfL Wolfsburg – gut, der hat nun auch gar nichts Madrilenisches an sich und Königliches auch nicht – gegen den VfL waren die Bayern fünf Minuten nach Anpfiff bei ihren Möglichkeiten und noch einmal kurz beim 2:0, den Rest darunter. Mit Ausnahme von Roy Makaay, bei dem reichen zwei Sekunden, in denen er zeigt, was er kann, und sein Tor schießt.

Das wäre ja möglicherweise alles noch verständlich, wenn die Bayern auf einer Höhe mit Real wären. Aber, du liebe Güte, das doch nun wirklich nicht. Sonst hätten sie nicht den Pokal verschludert und müssten auch nicht in der Liga auf Bremer Unpässlichkeit hoffen und lange Zeit aufs Glück, dass Wolfsburg, herrje, Wolfsburg! nicht zum Ausgleich kommt. Selbstständigkeit, wie sie Schön gewährte, sieht anders aus. Wahrscheinlich hilft nur, dass die einheimische Konkurrenz sich umbenennt: Real Wolfsburg, Aachen United, Arsenal Rostock.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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