Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 25. SPIELTAG

Vielleicht hat Christian Fiedler seinen Chef nicht richtig verstanden, möglicherweise hat er auch andere, eigene Interessen. Sei’s wie es sei, Herthas Torwart tat gestern auf jeden Fall nichts, was den Verdacht nährte, er messe einem Sieg gegen den FC Bayern keine größere Bedeutung bei. Er faustete, er hechtete und seinen Vordermann Madlung faltete er zusammen, dass es nur so eine Freude war.

Dabei war doch so viel Engagement gar nicht nötig, dabei hatte doch Manager Dieter Hoeneß mehrfach gesagt, dass man gegen den FC Bayern nicht gewinnen müsse. Das kann man so sagen, man muss auch gar nicht in der Ersten Liga spielen, man kann stattdessen viele andere schöne Dinge tun. Wenn man aber Erste Liga spielen will und zehn Spieltage vor Ultimo dasteht, wie Hertha dasteht, dann kann man möglicherweise nicht mehr wirklich unterscheiden zwischen notwendigen Siegen und solchen, auf die man nur beiläufigen Wert legt. Weil so einem Tabellenvorletzten nicht mal ein Punkt reicht, der braucht alle drei. Und zwar schnell, weil kein Verlass auf die schwächeren Gegner sein wird, gegen die man dann die notwendigen Siege einfahren will.

Ich will Manager Dieter Hoeneß nicht zu nahe treten, aber ein wenig fatal scheint mir so eine Aussage schon zu sein. So eine Aussage setzt ja ein Signal, und auch, wenn man zwischen der Gelassenheit des Managers und dem lässigen Abwehrverhalten der Berliner vor Makaays wunderbarem Führungstreffer keinen ursächlichen Zusammenhang herstellen kann, ein wenig wirkte das schon wie die praktische Umsetzung der theoretischen Vorgabe. Druck habe er von der Mannschaft abwenden wollen, sagte Hoeneß – den Druck der Tabellensituation aber nicht abstellen können. Der bleibt enorm und wird auch nicht schwächer, wenn die Pflichtsiege geholt werden müssen. Muss man sich also wundern, wenn man Belanglosigkeit sät und Belanglosigkeit erntet? Und belanglos war das Spiel gestern im schön werdenden Olympiastadion zu weiten Teilen, erstaunlich genug, dass der FC Bayern zur Unerheblichkeit erheblich Larifari beitrug. Oder anders gefragt: Was ist Herthas Gebot der Stunde? Dass ihre Stunde noch nicht geschlagen hat? Das allerdings wäre dann eine sehr souveräne und selbstsichere Haltung. Christian Fiedler – und gegen Ende noch einige andere Berliner – mochten wohl alleine darauf nicht vertrauen. Fiedler, fürchte ich, ist Realist.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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