Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 31. SPIELTAG

Hat ja prima geklappt, die Nervösmachung des SV Werder Bremen. So hibbelig waren die Bremer, so angstschweißnass vom heißen Münchner Atem, dass sie vor lauter Aufregung ein wenig Rumänien spielten und Gegner HSV schon zur Halbzeit mit drei Toren in die Kabine schickten. Bei aller Objektivität für den FC Bayern, die zuletzt geklopften Sprüche dürften wohl aus der falschen psychologischen Kiste entnommen worden sein. Sie prallten ab an Bremer Souveränität.

Und auch wenn der Hamburger SV, diese einstige europäische Größe und heutige personifizierte Unerheblichkeit, auch also, wenn der HSV einen satten Anteil hatte am Bremer Sieg, und auch, wenn gerade die Bayern in den letzten Sekunden von Titelentscheidungen so manches Pferd vor der Apotheke haben sich übergeben sehen, ich lege mich fest: Deutscher Meister 2004 ist der SV Werder Bremen. Und mit was? Mit Recht.

Und mit Ailton, der mutmaßlich nicht mal wusste, was eine Krise ist, die man ihm andichtete, weil er drei Spiele nicht getroffen hat. Gestern traf er. Gleich nach der Pause zum 4:0. Und mit Trainer Thomas Schaaf, der mutmaßlich nicht mal weiß, was dieses komische Dingens überhaupt ist, diese Nervosität, die ihn doch tagtäglich befällt. Und mit Manager Klaus Allofs, der dem Vorgänger, dem schwadronierenden Willi Lemke vormacht, wie man Gutes tut und nicht drüber redet. Und mit allen anderen, mit Micoud und Reinke und Baumann und der provinziellen Ruhe, die aus der Bescheidenheit kommt.

Bayerns Uli Hoeneß hat dieser Tage gesagt, dass er die tolle Arbeit bei Werder bewundere und dennoch nicht glaube, dass die Bremer sich festsetzen können als zweite Kraft im deutschen Fußball. Und da hat er Recht, und das ist die Stärke des SV Werder, nämlich gar kein Großer sein zu wollen, sondern lieber Großes zu leisten. Abgeklärt scheint mir die treffendste Vokabel für diese Bremer Saison zu sein. So wie sie die Abwerbungen Ailtons und Kristajics weggesteckt haben – mit einem Achselzucken über die Fährnisse des Lebens und mit mehr nicht –, so haben sie eine ganze Saison lang reagiert.

Sie haben es gemacht wie die Weser neben dem Stadion und sind einfach weitergezogen, ruhig und unbeeindruckt. So wird man Meister. Sprüche, man glaubt’s ja kaum, braucht’s gar nicht dazu.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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