Sport : Live aus dem Stadion

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Von Marcel Reif

DER 32. SPIELTAG

Dass der Mann eine tragische Figur ist, keine Frage. Er hat das WM-Finale nervlich nicht durchgestanden, er hat geschlampt im Champions-League-Spiel gegen Real – und hat Oliver Kahn jetzt die deutsche Meisterschaft verloren? 0:3 zur Halbzeit, in der Diktion des FC Bayern hatte man sich ja schon fragen dürfen, ob diese Deutlichkeit nicht die Meisterschaft verfälscht – Sie erinnern sich, vergangene Woche nach Werders 6:0 gegen den HSV, waren solche Töne zu hören gewesen. Und nun? Was macht man jetzt als FC Bayern, als Oliver Kahn, der mit am lautesten die Bremer attackiert hatte? Am besten hält man sofort den Mund und verbeugt sich vor der in dieser Saison besten deutschen Mannschaft, vor der Gelassenheit, die aus der Stärke kommt, vor diesen Bremer Eichen, die sich nicht mal schüttelten, als sich ein paar Münchner Schweinderl schubberten. Der SV Werder Bremen ist Deutscher Meister, ist Meister, ist Meister, und er ist es mit großer Berechtigung.

Eine Wachablösung im deutschen Fußball? Aber nein, aber mal halblang. Dem Trugschluss ist schon mal Borussia Dortmund aufgesessen, dass die Bayernwerdung im Schnellkurs und mit nur einer Meisterschaft zu erlangen ist. Der FC Bayern bleibt, auch wenn er sich zeitweise fast bis zur Lächerlichkeit hat vorführen lassen gestern im Olympiastadion, auch wenn die Agonie der Spieler sich fortzusetzen schien auf die Bank der Münchner, wo Bewegungslosigkeit die herrschende Haltung war, der FC Bayern München bleibt das Maß des deutschen Fußballs. Die Wachablösung ist nur zu haben, wenn die Münchner sie zulassen, will sagen: wenn der FC Bayern seine Linie verliert, seine Werte, seinen Verstand. Dafür allerdings waren in den letzten Wochen ein paar Indizien zu erkennen: Das Hitzfeld-Mobbing, das HSV-Bashing. Gut beraten wären die Bayern, wenn sie wieder zur alten Identität zurückkehren, verpasste Titel sich selbst zuschreiben, und die Demonstration, dass ihr Kader erst international und nun auch national nicht die erste Wahl ist, als Aufforderung begreifen. Denn, um die Eingangsfrage nach Oliver Kahn zu beantworten: Er hat die Meisterschaft nicht verloren, das haben die Bayern viel früher erledigt. Und am Ende Hoffnung auf Besserung erkennen lassen: 30 Minuten waren noch zu spielen, Roy Makaay hatte schon auf 1:3 verkürzte, da blinkten auf der Anzeigetafel die herzlichen Glückwünsche an den Deutschen Meister auf. So soll es sein, so gehört es sich.

Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel jeden Sonntag die Bundesliga.

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