Sport : Live aus dem Stadion

Die Bundesliga kommentiert

Marcel Reif

Geht das in diesem Geschäft, kann man sich allen Gesetzmäßigkeiten der Branche widersetzen? Der HSV versucht es zumindest in dieser Saison, und das ist charmant, das ist ehrenvoll und lobenswert, ob es auch sinnvoll ist, ist indes eine ganz andere Frage. Ein Sieg aus 22 Pflichtspielen in Folge ist eine Quote, die eigentlich als Naturgesetz den Paragrafen eins des Handlungskatalogs in Kraft setzt: die Entlassung des Trainers. Aber Erstaunliches passiert im Norden. Wobei die Nibelungentreue der Vereinsführung zu Thomas Doll noch am wenigsten überraschend ist. Management und Trainer haben die Situation gemeinsam zu verantworten, dabei ist es zunächst unerheblich, ob sie schuldhaft, also durch verfehlte Personalpolitik, oder schuldlos, also durch Verletzungspech und ein irgendwie verhextes Schicksal, in die Misere geschlittert sind. Konsequenterweise müssten sie also alle mitgehen, wenn Doll geht.

Mehr staunen lässt die Großzügigkeit und Geduld der Fans. Dolli muss bleiben, lautet deren Botschaft – und die Boulevardpresse, die doch ansonsten zuständig für Druck und Gegendruck und vermeintliche Volkesstimme und Volkszorn ist, wirkt völlig ratlos. Soll sie Doll verdammen, weil er erfolglos ist? Oder doch streicheln, weil doch so beliebt?

Und dazwischen hängt die Mannschaft, die um die Champions League spielen wollte und gegen den Abstieg kämpft, die Potenzial hat, was sie nicht präsentiert, die sich aufbäumt eine Halbzeit lang, wie gegen Arsenal so auch gestern gegen die Bayern, die in Führung geht und am Ende nichts, gar nichts davon hat. Doll probiert dies, er probiert das, brachte wieder van der Vaart durchaus zeitweise gewinnbringend im defensiven Mittelfeld. Allein wozu? Wenn ihm jetzt noch etwas Neues einfallen soll, dann muss es wohl ein Wunder sein.

Was tun? Doll opfern? Doll ist derzeit der HSV mangels Identifikationsfigur auf dem Rasen. Ich fürchte, es hilft nur eines: Thomas Doll muss sich selber opfern, von mir aus auch mit großem Pathos und im Interesse des großen HSV. Deswegen bleibt er ein guter Trainer, der den HSV eine Saison hat träumen lassen. Aber nun ist es ein Albtraum.

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