Live von der Insel - Die Fußball-Kolumne über England : David Moyes: Das bloße Erdenkind

Ein erfolgreicher Saisonauftakt ist Manchester United unter David Moyes nicht gelungen. Langsam rückt der Trainer in die Kritik - zu Unrecht, meint unser englischer Kolumnist. Denn die fast göttlichen Fähigkeiten von Sir Alex Ferguson kann niemand imitieren.

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Der Manchester United Trainer David Moyes hat bisher wenig zu feiern.
Der Manchester United Trainer David Moyes hat bisher wenig zu feiern.Foto: reuters

Acht ist derzeit keine glückliche Nummer für David Moyes. Der Trainer von Manchester United hat bisher acht Premier-League-Spiele mit seiner neuen Mannschaft absolviert, und sie steht gedemütigt auf dem achten Tabellenplatz, mit acht Punkten Rückstand auf den Tabellenführer FC Arsenal. Zwischen Wolke Sieben und dem englischen Äquivalent Cloud Nine sitzt Moyes auf Wolke Acht: ein von ahnungslosen roten Teufeln umgebener stirnrunzelnder Cherub.

Ok, da gehe ich vielleicht ein bisschen zu weit. Aber die Metapher ist nicht viel übertriebener als die meisten Urteile über Moyes' bisherige Bilanz. Der Rücktritt von Sir Alex Ferguson im letzten Sommer wurde sofort als apokalyptisch gedeutet. Sein Nachfolger musste immer die unvermeidliche Verdammung akzeptieren, auch wenn er von den zwei lebendigen ManUnited-Göttern, Ferguson und Sir Bobby Charlton, gefördert wurde.

So ist es auch mit Moyes passiert. Seiner Mannschaft ist es bislang, zur Überraschung von niemandem, schwer gefallen, erfolgreich mit dem größten Trainerwechsel der modernen Fußballgeschichte umzugehen. Statt ihre traditionelle Dominanz zu bestätigen, ist United ins Mittelmaß gesunken. Ihr fehlen das Selbstvertrauen, die Kreativität und - am allerwichtigsten - Punkte. Kein Wunder, dass manche Fans sich jetzt unzufrieden äußern.

Mit jedem Spiel kommen immer mehr Klischees, immer mehr Vergleiche mit der Ferguson-Ära. Damals erzielte die Mannschaft immer späte Tore, jetzt kassiert sie selbst welche in den Schlussminuten. Damals gewann United trotz schlechter Leistung, jetzt verliert die Mannschaft trotz guter Leistung. Moyes sei eine katastrophale Fehlverpflichtung gewesen, sagen seine Kritiker.

Die Realität sieht anders aus. Dem ehemaligen Everton-Trainer Moyes wurde eine Mannschaft hinterlassen, die definitiv in einer Umbauphase ist. Die alte Garde ist nun wirklich zu alt, und die jungen Talente sind noch zu unerfahren.

Als Ferguson noch Trainer war, konnte er diese Mannschaft trotzdem zum Siegen bringen. Schließlich war er ein Genie. Über 26 Jahre haben sich die Leute im Old Trafford an seine Genialität gewöhnt. Die hat Moyes nicht, er hat nur Talent.

Eine Trainerlaufbahn in Bildern
1999 gewann Ferguson mit Manchester United die Champions League - durch einen dramatischen 2:1-Sieg im Finale von Barcelona gegen den FC Bayern. Die Münchner hatten bis kurz vor Schluss noch 1:0 geführt, doch der Pokal ging letztlich nach England.Weitere Bilder anzeigen
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08.05.2013 17:121999 gewann Ferguson mit Manchester United die Champions League - durch einen dramatischen 2:1-Sieg im Finale von Barcelona gegen...

Bei genauer Betrachtung wird klar, dass Moyes eigentlich in seinen ersten Monaten keinen schlechten Job gemacht hat. Es ist zwar ein schlechter Saisonauftakt gewesen, aber kein schlechter Job. Er hat den Aufruhr um Wayne Rooney und seinen möglichen Wechsel zum FC Chelsea erfolgreich beruhigt, er hat zu Recht dem jungen belgischen Talent Adnan Januzaj seine Chance in der Startelf gegeben, und dessen Vertrag trotz des Interesses von Barcelona und Juventus bis 2018 verlängert.

Das ist keine schlechte Bilanz. Moyes weiß aber, dass es in diesem Job immer wieder ein neues Problem gibt. Heute, zum Beispiel, hat Sir Alex Ferguson seine Autobiografie veröffentlicht. Darin gibt es noch mehr Offenbarungen zur turbulenten Geschichte um Rooney. Ferguson hat angeblich darauf geachtet, seinen Nachfolger zu schützen, aber sobald sich die Sportjournalisten und Blogger auf der Insel das Ding durchgelesen haben, werden bestimmt noch mehr Waffen gegen Moyes auftauchen.

Moyes ist aber ein intelligenter Typ. Als er den Job übernahm, wusste er genau, was ihn erwarten würde. Er lässt sich anscheinend nicht von den Zweifeln und der Kritik an seinen Fähigkeiten beunruhigen. Dennoch müssen die Fans von Manchester United darauf achten, dass sie nicht zu schnell ungeduldig werden. Göttliche Figuren wie Ferguson kommen nur selten vor. Und Moyes wird nie erfolgreich sein, wenn nur das Göttliche von ihm erwartet wird.

Der Klub weiß das und hat dementsprechend dem Trainer seine volle Unterstützung versprochen. Moyes' Gegner wissen das auch: Arsene Wenger meinte vor kurzem, dass United immer noch um die Meisterschaft kämpfen könnte. Es bleibt nur abzuwarten, ob die Geduld der Fans und der Presse weiter andauert. Darauf kann man nur hoffen, denn nur so könnte Moyes United langsam wieder zum Erfolg führen.

Old Trafford muss letztendlich akzeptieren: Gott ist tot. Lang lebe das bloße Erdenkind.

Kit Holden (@kitholden) ist Engländer und arbeitet derzeit als Praktikant beim Tagesspiegel. Er schreibt auch über deutschen Fußball für die englische Tageszeitung "The Independent".

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