• Live von der Insel - Die Fußball-Kolumne über England: Harry Redknapp: Romantiker und Selbsttäuscher

Live von der Insel - Die Fußball-Kolumne über England : Harry Redknapp: Romantiker und Selbsttäuscher

Achtzehn Monate nach der Entscheidung ist Harry Redknapp immer noch sauer, dass er nicht englischer Nationaltrainer wurde. Für unseren englischen Kolumnisten Kit Holden ist das ein Grund zum Fremdschämen.

von
Blind für die Realität. Harry Redknapp hat sich kritisch gegenüber der FA und Roy Hodgson geäußert. Foto: dpa/picture alliance
Blind für die Realität. Harry Redknapp hat sich kritisch gegenüber der FA und Roy Hodgson geäußert.Foto: dpa/picture alliance

Es gibt kein englisches Wort für Fremdschämen. Wenn man die in der „Daily Mail“ in einer Serie veröffentlichte Autobiografie von Harry Redknapp liest, denkt man, dass die Zeit reif ist für eine passende Übersetzung. Redknapp, charmant und blöd wie immer, hat uns mal wieder daran erinnert, dass er im Frühling 2012 als der vom Volk bevorzugte Kandidat für den Job als englischer Nationaltrainer galt. Was haben wir uns da fremdgeschämt.

Ich bin auch ein überzeugter Anhänger der Demokratie. Aber Gott sei dank wird das westliche Ideal des Wahlrechts nicht bei der Anwahl eines Fußballnationaltrainers angewandt. Statt die Forderung des Volkes zu beachten, hat sich der englische Fußballverband FA für Roy Hodgson entschieden. Redknapp hat diese Entscheidung bald gerechtfertigt. Er wurde von Tottenham Hotspur entlassen, und stieg ein Jahr später mit Queen’s Park Rangers ab.

Achtzehn Monaten später kann er aber die Entscheidung der FA immer noch nicht nachvollziehen. „Respekt vor Hodgson“, sagt er, „aber jeder wollte mich. Die Spieler haben sich sogar bei mir gemeldet, um mir das zu sagen. Bei der FA gibt es aber noch Snobismus, und Roy passte besser zu dieser Welt.“

Ja, so muss es sein. Hodgson passt besser zum Snobismus und zur Bürokratie des Verbands. Vielleicht hat Redknapp vergessen, dass er sich damals im Gericht gegen Vorwürfe der Steuerhinterziehung verteidigen musste, nachdem er ein Konto in Monte Carlo unter dem Namen seines Hundes erstellt hatte. Da hatte er dem Richter erklärt, dass er nichts bewusst hinterziehen könne, denn: „Ich bin so schlecht organisiert wie keiner auf der Welt. Ich kann nicht schreiben. Ich kann nicht mal eine Mannschaftsausstellung aufschreiben.“

Da musste die FA anscheinend abwägen. Entweder war Redknapp wirklich so unorganisiert, oder aber er hatte Steuern in seinem Land hinterzogen. Ich schätze übrigens, dass die erste Hypothese stimmt. Genauso sah es das Gericht. Aber da es letztendlich darum ging, ob er Analphabet oder Meisterkrimineller war, ist es eigentlich kein Wunder, dass er von der FA nicht verpflichtet wurde.

Vielleicht kann Redknapp das erkennen. Vielleicht kann er aber einfach auch nicht verstehen, warum seine Popularität im Vergleich zu einem scheinbar langweiligen Menschen wie Roy Hodgson nicht ausreichte?

Da hatte er vielleicht nicht mitbekommen, dass Roy Hodgson die Schweiz bei einer WM trainiert und diese Nation bis auf Platz drei in der Fifa-Weltrangliste geführt hatte. Dazu ist Hodgson in Schweden sieben Mal Meister geworden, und in Finnland wurde er für seine Dienste am Fußball zum Ritter geschlagen. Gegen solche Leistungen zählen die Popularität und ein einziger gewonnener FA-Cup nicht besonders viel, Harry, tut mir leid. Am besten probierst Du, Premierminister zu werden. Da ist Popularität etwas mehr wert.

Redknapps Fußballerfolg basiert größtenteils auf enormem Aktionismus auf dem Transfermarkt. Hodgson hat dagegen das Talent, das Beste aus einer mittelmäßigen Mannschaft herauszuholen. Genau deswegen passte er zur FA. Der Verband hat zurecht erkannt, dass er einen Talent-Ökonom, nicht einen Cockney Felix Magath brauchte. Das einzig gerechtfertigte Argument, das Redknapp geboten hat, war, dass er schöneren Fußball als Roy Hodgson fordert. England solle den langen Pässen abschwören und wie Spanien spielen, meinte er.

Es stimmt auch. Redknapp fordert angriffsfokussierten Fußball. Aber letztendlich ist er immer noch so englisch, dass es wohl Baked Beans in seinem Blutfluss gibt: er ist definitiv nicht der natürliche Nachkomme des Erbes von Rinus Michels. Hodgson hat derweil am Freitag im Spiel gegen Montenegro bewiesen, dass auch seine Mannschaften schönen Fußball spielen können.

Falls sich England am Dienstagabend gegen Polen wie erwartet für die WM qualifiziert, wird Hodgson es verdient haben. In einer Fußballnation, die längst von Hysterie und Selbstüberschätzung beherrscht wird, hat Hodgson ein bisschen Realismus eingeführt. England weiß jetzt endlich, wie fest seine Mannschaft zum Mittelmaß gehört.

Das hätte Harry Redknapp nie geschafft, wäre er englische Nationaltrainer geworden. Der gute alte Romantiker täuscht sich weiterhin darin, dass England zu den Großen gehört. Seit so vielen Jahren, in denen die Nationalmannschaft das Gegenteil bewiesen hat, ist so eine Einschätzung einfach nur peinlich. Und für Harry dürfen wir uns alle ein bisschen fremdschämen.

Kit Holden (@kitholden) ist Engländer und arbeitet derzeit als Praktikant beim Tagesspiegel. Er schreibt auch über deutschen Fußball für die englische Tageszeitung "The Independent".

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben