Live von der Insel - Die Fußball-Kolumne über England : Make Love Not War - Englands neue Deutschlandliebe

Die Engländer lernen, Deutschland zu lieben. Denn jedes Mal, wenn Fußballdeutschland zuletzt nach London gekommen ist, zeigte es sich bemerkenswert charmant. Vor dem Spiel im Wembley-Stadion erzählt unser Kolumnist die Liebesgeschichte.

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Bayern und Dortmund eroberten im Mai 2013 das Londoner Stadtviertel Westminster.
Bayern und Dortmund eroberten im Mai 2013 das Londoner Stadtviertel Westminster.Foto: dpa/picturealliance

Ach, ihr Deutschen. Jedes Mal, wenn ihr nach London kommt, wir verlieben uns in euch. Ihr seid schließlich so krass charmant.

Denkt mal an das Champions-League-Finale. Es war ein sonniger Nachmittag in Mai. Englands Boulevardzeitungen bereiteten sich auf das große Spiel mit ihrer normalen robusten Xenophobie vor und London zitterte vor der Ankunft von 100.000 deutschen Fußballfans. Alles war wie immer mit dem Deutschland-Hass in der Hauptstadt.

Dann sind die ersten Autos vorbeigefahren: schwarzgelbe, mit Parolen angemalten Autos. Die Parolen lauteten (übrigens auf Englisch): „Danke, dass Sie das Spiel, das wir lieben, erfunden haben!“ Der Ballspiel-Verein Borussia Dortmund versuchte mit den Londonern zu flirten. Erfolgreich. Zum ersten Mal seit 48 Jahren haben sich Londoner untereinander angesprochen. Sie wurden von der plötzlichen Liebe für den BVB geeint.

Es folgte Chaos. Kleine Straßenkinder wie aus Charles-Dickens-Büchern verbrannten Götze-Trikots an den Ecken in King's Cross. Die Neo-Faschisten der „English Defence League“ tätowierten sich das Dortmunder Motto „Echte Liebe“ auf die Brust. Prinz Philip kaufte sich eine Pöhler-Mütze und in Westminster kamen kurzfristig Labour und Tories zusammen, um einen gemeinsamen "Heja, BVB!"-Chor im Parlamenthaus aufzuführen.

Doch diese schönen Tage gehörten bald der Vergangenheit an, und wir begannen den deutsche Charme zu vermissen. Gestern kehrte er aber endlich zurück. Denn die Spieler der DFB-Elf reisten nicht im Bus sondern mit der U-Bahn zum Mannschaftstraining. Wie witzig! Als ob Fußballer echte Menschen wären! Die Londoner verliebten sich wieder in den deutschen Fußball. Auf einmal konnten sie ihre Helden im echten Leben sehen.

"Guck mal, wie hübsch der Mats Hummels ist", kicherten sie.

„Guck mal, so chic ist Jogi Löw. Ich wette, der hat keine fürchterliche, komische Stimme wie Roy Hodgson.“

„Wer ist denn Roman Weidenfeller?“

„Ääh, weiß ich nicht.“

Und so weiter, und so fort.

Der DFB versuchte uns natürlich zu überzeugen, dass dies kein zynischer PR-Trick nach Dortmunder Art war, um das 150. Jubiläum des englischen „FA“ sowie der London Underground zu feiern. Nein, sie behaupteten, es sei nur eine logische Lösung gewesen, denn der schleppende Autoverkehr ist berüchtigt in London. Die Spieler stimmten gerne zu, und saßen pflichtgemäß 40 Minuten in der Jubilee Line wegen eines Signalausfalls an der Finchley Road. Wahrscheinlich.

Wo soll diese Charmeoffensive eigentlich noch hinführen? Im Viertelfinale des Champions Leagues zwischen die Bayern und Manchester United wird Uli Hoeneß grinsend eine Statue von Ole Gunnar Solskjaer enthüllen. Im Finale wird Schalke dem FC Chelsea schon wieder drei Tore schenken. England wird aus Deutschlandliebe verrückt werden, David Cameron wird sich auf vielfachen Wunsch von Samantha trennen und Angela Merkel einen Heiratsantrag machen.

Das ist ja nur ein Wunschalbtraum. Aber von der echten Liebe sind wir nicht so weit weg. Während unsere Zeitungen immer noch vom „ältesten und wichtigsten Derby des internationalen Fußballs“ reden, und Wayne Rooney über „das Besondere daran, Deutschland zu schlagen“ quatscht, erkennen jetzt endlich die meisten Engländer, dass die Rivalität mehr als ein bisschen einseitig ist. Noch besser: Zum ersten Mal in seiner Geschichte bewundert England eine andere Fußballnation. Und getreu der langen britischen Tradition der Selbstironie ist die bewunderte Nation ausgerechnet Deutschland.

Die 50+1-Regel, die Dortmunder Autos, Mesut Özil und Jogi Löws Haare haben alle dazu beigetragen. Aber Vorsicht: Die Bewunderung wird nicht ewig anhalten. Engländer sind wankelmütig, und falls heute Abend irgendwas Großes passiert (wie: ein englischer Sieg, eine Schlägerei oder eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters), wird die oberflächliche Liebe meiner Landsleute verschwinden, so schnell wie sie aufgetaucht ist. Dann werden sie mal wieder den Krieg erwähnen.

Kit Holden (@kitholden) ist Engländer und arbeitet derzeit als Praktikant beim Tagesspiegel. Er schreibt auch über deutschen Fußball für die englische Tageszeitung "The Independent".

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