Live von der Insel - Die Fußballkolumne über England : Solskjaer und die dunkle Seite

Cardiff City hat den früheren Manchester-United-Stürmer Ole Gunnar Solskjaer als neuen Trainer verpflichtet. Jetzt müssen wir trauern, meint unser Autor, weil sich nun noch ein guter Fußballmensch im Griff eines bösen Investors befindet.

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Ole Gunnar Solskjaer auf dem Weg in die Hölle.
Ole Gunnar Solskjaer auf dem Weg in die Hölle.Foto: Reuters

Man kann Ole Gunnar Solskjaer nur mögen. Auch ein Bayern-Fan muss das zugeben. Wie Didi Hamann hat Solskjaer einen wunderschönen, einzigartigen Akzent, eine Mischung zwischen nordenglischem Dialekt und ausländischem Trällern. Hamanns Liverpool-Deutsch ist zwar unschön, aber Solskjaers Manchester-norwegisch ist exquisit. Wenn man ihn reden hört, fühlt es sich an, als ob alles auf der Welt gut läuft. Als ob es keinen Krieg gibt. Als ob es keinen gibt, der hungert. Als ob es keinen rücksichtslosen, bösen Vereinseigentümer im englischen Fußball mehr gibt.

Dann, hoppla, man wacht auf und realisiert, dass Solskjaer, das liebliche Engelchen mit dem Gesicht eines Neugeborenen sich verkauft hat. Er hat sich verkauft an den bösesten aller böser Klubchefs in der Premier League. Bei seiner Vorstellung als neuer Trainer von Cardiff City hat Solskjaer eingeräumt, dass er immer nach England zurückkehren wollte. Dass er ausgerechnet nach Cardiff gekommen ist, ist aber einen Tiefschlag für all diejenigen, die noch glaubten, es gebe gute Menschen im Fußball.

Die Geschichte von Vincent Tan kennt fast jeder. Der malaysische Milliardär rettete 2010 den Cardiff City Football Club vor der drohenden Insolvenz. Er versprach, den Klub in die Premier League zu führen. Und er hat es auch wahr gemacht. Aber Cardiff musste bezahlen. Die "Bluebirds" spielen jetzt wegen größerer Vermarktungsmöglichkeiten auf dem asiatischen Markt in Rot statt im traditionellen Blau. Das Vereinsemblem wurde auch nach den Wünschen Tans geändert. In dieser Saison, Cardiffs erster in der Premier League, hat er einen fleißigen, erfolgreichen und respektierten Trainer namens Malky Mackay aus seinem Klub herausgemobbt. Und präsentiert sich nun als der übelste James-Bond-Bösewicht aller Zeiten.

Also warum, Ole? Wie können Sie noch in den Spiegel schauen? Bei seiner Vorstellungs-Pressekonferenz wirkte Solskjaer gelassen. Er sprach davon, von den Klubverantwortlichen überzeugt geworden zu sein. Ungefähr dreiundzwanzig Mal benutzte er das Wort "überzeugt", und in unseren Köpfen spielte sich eine schreckliche Szene von den dunklen Kerkern des Tan-Königreichs ab. Was hat der Typ mit unserem netten Ole gemacht? Welche gottverdammte Methode hat er benutzt, um Solskjaer zu "überzeugen"?

Naja, ok, Solskjaer ist ein Profi. Es gibt hunderte von netten, guten Fußballleuten, die für die übelsten Investoren arbeiten. Solskjaers eloquenter Auftritt bei der Pressekonferenz zeigte uns, dass er trotz aller Nachteile dieses Jobs immer noch denkt, dass er sich ausschließlich auf den Fußball konzentrieren kann. Sehr leidenschaftlich hat er von einer bestimmten Spielphilosophie gesprochen. Sehr frech hat er angedeutet, dass sein Saisonziel sei, am Ende einen Platz vor Swansea zu stehen. Auch wenn er über die "Leidenschaft der Fans" sprach, kam das überraschend ehrlich rüber. (Größtenteils ist ihre Leidenschaft zurzeit darauf fokussiert, Solskjaers Arbeitgeber von Wales aus hinterherzulaufen. Ein weniger selbstbewusster Typ hätte aus Angst vor Tan die Fans überhaupt nicht erwähnt).

Er habe auch verlangt, absolute Kontrolle über alle fußballbezogenen Dinge zu haben, erzählte Solskjaer. Vincent Tan - den er als "missverstanden" beschreibt - hat zugestimmt. Aber das ist auch keine Überraschung. Von dieser "absoluten Kontrolle" spricht jeder Premier-League-Trainer, sei er bei Chelsea, Manchester City, Cardiff oder Hull tätig. Eigentlich kann ein Trainer unbegrenzte Kontrolle haben, solange er noch im Amt ist, aber das ist egal. Der Catch-22 ist der große rote Knopf auf dem Schreibtisch des Investors. Dass der Norweger einen theoretisch unbefristeten "rollenden Vertrag" besitzt, gibt Tan zudem immer mehr Möglichkeiten, Solskjaer irgendwann brutal zu entlassen. Das weiß auch Solskjaer.

Er ist kein Idiot. Er wird genau wissen, wie unattraktiv ein Mensch wie Vincent Tan für den Fußball ist. Aber er liebt England (obwohl er eigentlich nach Wales gezogen ist, sind Cardiff und Swansea in der Fußballwelt ein Teil von England) und er will unbedingt in der Premier League arbeiten. Er weiß wohl auch, dass er sich unter solchen Voraussetzungen kaum blamieren kann. Wenn er früh scheitert, kann er einfach behaupten, es sei unmöglich gewesen mit Tan zusammenzuarbeiten. Also trotz aller Romantik ist es für ihn ein sinnvoller Schritt in seiner Karriere.

Denn wir wissen alle, was Solskjaers größtes Ziel wäre. Und zwar, Trainer von Manchester United zu werden. In Old Trafford liegt nicht nur sein Akzent sondern auch sein Herz. Er soll auch mit Sir Alex Ferguson geredet haben, bevor er den Job in Cardiff akzeptiert hat. Einigen Berichten zufolge soll Ferguson ihn sogar davon abgeraten haben, obwohl Solskjaer dem widerspricht. Es wäre auf jeden Fall eine lächerliche Heuchelei, hätte Ferguson tatsächlich so etwas gesagt. Denn er ist der König der Seelenverkäufer. Er hat mit dem Glazer-Teufel einen Vertrag gemacht. Es ist der Witz schlechthin, dass Ferguson sich Sozialist nennt. Aber schließlich hat Ferguson danach gezeigt, dass man auch unter einem krassen Menschen wie Malcolm Glazer einen Fußballklub vernünftig führen kann. Wir können also Solskjaer Ole Gunnar alles Gute wünschen. Er ist nicht komplett verloren.

In dieser Fußballwelt müssen gute Leute wie Solskjaer manchmal auch auf die dunkle Seite wechseln. Er hat uns nicht getäuscht. Er hat uns nur enttäuscht.

Kit Holden (@kitholden) ist Engländer und arbeitet derzeit als Praktikant beim Tagesspiegel. Er schreibt auch über deutschen Fußball für die englische Tageszeitung "The Independent".

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