Sport : Liverpool hofft auf Steven Gerrard

Raphael Honigstein[Liverpool]

Steven Gerrard hatte alles, was man zum nordenglischen Fußball-Helden braucht: Talent, unbedingten Siegeswillen, die richtige Herkunft. Der heute 24 Jahre alte Profi wuchs in einem Sozialwohnungsbau in Huyton, einem schmucklosen Viertel in Liverpool, auf. Auf einem winzigen Flecken Grün zwischen schmutzigen Häuserzeilen lernte er als Kind, gegen den Ball zu treten. In Liverpools Fußballakademie wurde er dann zum besten Spieler seines Jahrgangs, mit 18 gab er sein Debüt in der ersten Mannschaft des FC Liverpool, zwei Jahre später war er in der Nationalmannschaft.

Gerrards Klub stagnierte nach dem Uefa-Cup-Sieg 2001. Er selbst wurde immer besser, einer der besten zentralen Mittelfeldspieler Europas und Liebling der Fans. In den vergangenen drei Jahren war Liverpool ganz und gar seine Mannschaft. „Ich möchte meine Karriere hier beenden“, hat er 2002 gesagt.

Doch dann kam die EM in Portugal und mit ihr die große Versuchung in Gestalt von Peter Kenyon. Eine Verdopplung des Gehalts auf 7,5 Millionen Euro im Jahr stellte Chelseas Geschäftsführer in Aussicht. Gerrard verfiel in einen Gewissenskonflikt und spielte ein miserables Turnier. Nach dem Aus im Viertelfinale sagte er José Mourinho zu. Wieder zu Hause, bekam er anonyme Drohungen und von Vater Paul eine Standpauke. Gerrard entschloss sich, doch zu bleiben. Dass dies eine „Entscheidung des Herzens“ war, nahm ihm jedoch niemand mehr ab. Die Affäre mit den Londonern hat das Vertrauen zerstört, die Liebe ist dahin.

Gerrards Form hat stark gelitten. Liverpool stünde vielleicht nicht im Finale, wenn er nicht im Dezember gegen Olympiakos das 3:1 kurz vor Schluss geschossen hätte, aber er blieb zuletzt seltsam wirkungslos. Sein Trainer Rafael Benítez hofft aber heute, für das Champions-League-Finale gegen den AC Mailand, auf einen Rhythmuswechsel: „Gerrard hat die Leidenschaft, die wir brauchen, die Qualität, die wir wollen, und er kann Tore schießen. Wer all diese Fähigkeiten hat, ist ein Schlüsselspieler.“ Auf jeden Fall ist es ein persönliches Schlüsselspiel für ihn, denn nach der Partie will er über seine Zukunft entscheiden. Allein der Sieg gegen den AC Mailand könnte die Fans versöhnen und ihm einen einigermaßen friedlichen Abgang bescheren, eine Niederlage würde man wohl ihm ankreiden. „Wenn wir den Pokal nicht mit nach Hause bringen, wäre es ein Desaster“, sagt Gerrard. Ganz besonders für ihn.

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