Liveticker von der DFB-Pressekonferenz : In der Welt des "wie gesagt"

Marco Reus und André Schürrle beweisen in der DFB-Pressekonferenz, wie langweilig medientrainierte Jungprofis sein können. Doch selbst darin versteckt sich ein gewisser Erkenntnisgewinn. Unser Liveticker zum Nachlesen.

von
Gestern Spieler, heute Spielerklärer: Marco Reus ist nach seinem Startelfdebüt gegen Griechenland (inklusive Tor) ab 13 Uhr zu Gast bei der täglichen DFB-Pressekonferenz.
Gestern Spieler, heute Spielerklärer: Marco Reus ist nach seinem Startelfdebüt gegen Griechenland (inklusive Tor) ab 13 Uhr zu...Foto: dapd

13.22 Uhr: Und schon ist es vorbei. Wir halten fest: Sollten Marco Reus und André Schürrle irgendwann noch einmal Ansprüche auf die ganz große und vor allem dauernde Karriere in der Fußballwelt entwickeln (beginnend mit politischen Interviews in der Süddeutschen Zeitung, endend mit Vereins- oder Verbandspräsidentschaft), sollten sie schleunigst den Medientrainer wechseln. Bis dahin verbleiben wir mit einem fröhlichen "Einer hätte auch gereicht" und freuen uns auf den Kapitän der Mannschaft. Der kommt morgen - und hat vielleicht ja etwas dazu zu sagen, dass Angela Merkel nun doch in die Ukraine reisen ... Vielleicht ist das aber selbst von Philipp "Ich bin ein mündiger Profi" Lahm etwas zu viel verlangt.

13.15 Uhr: Jetzt wird es spannend. Frage: Haben Sie eine schönere Frisur als Mario Gomez? Antwort Reus: "Ich versuche, das Beste aus mir herauszuholen. Wir wissen aber alle, dass Mario auch eine schöne Frisur hat." Wahnsinn, selbst im (ebenfalls obligatorischen) Gag-Block antwortet Reus als Phrasenmaschine. Und jetzt ist halt die Frage: Auf welcher Ironieebene bewegen wir uns hier gerade? Erleben wir Satire oder Realsatire? Thematisiert hier ein deutscher Nationalspieler performativ den Wahnsinn dieser Pressekonferenzen, indem er den abwaschbaren Jungprofi-Resopal-Sprech auch dort anwendet, wo er eigentlich mal gefahrlos etwas wagen könnte (klingt paradox, ist aber in diesem Format möglich). Oder wagt er einfach gar nichts, weil er überhaupt nicht weiß, wie man wagt - als Mensch, nicht als Fußballer? Ist sein Lachen verlegen? Oder klug? Beides zusammen ist in dieser Situation nicht drin.

Bildergalerie: Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik
Die deutsche Startelf gegen Griechenland: Badstuber, Neuer, Hummels, Khedira, Boateng, Klose (v. l. o.) - Lahm, Schürrle, Reus, Schweinsteiger, Özil (v. l. u.). Gegen Italien hat Joachim Löw wieder umgebaut.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: AFP
22.06.2012 23:10Die deutsche Startelf gegen Griechenland: Badstuber, Neuer, Hummels, Khedira, Boateng, Klose (v. l. o.) - Lahm, Schürrle, Reus,...

13.10 Uhr: Mal eine Frage, auf die man nicht mit "Wir sind sehr selbstbewusst und bleiben positiv" antworten kann - Stefan Hermanns, unser Mann in Danzig, fragt nach Reus' mangelhafter Chancenauswertung im Spiel gegen Griechenland. Darauf der: "Wichtig ist, dass man immer positiv bleibt." Boah.

13.06 Uhr: Jetzt mal ein prägnanter Satz von Schürrle (oder war es doch Reus): "Der Weg zum Titel führt über uns." Könnten wir jetzt hier in die Überschrift schreiben. Müssen wir aber auch nicht. Auch das gehört ja zum mediensprechgeschulten Jungprofitum: im Meer des Nichts ein-, zweimal eine Insel des Nicht-ganz-Nichts platzieren, damit hinterher alle froh sind, und die Zeitung voll (das Internet sowieso). Das spielen wir nicht mit. Wir hören auch gar nicht mehr zu. Wir sind uns sicher, dabei auch nichts zu verpassen. Lalala, sind die langweilig, lalala, nochmal kurz reingeschaltet - Reus: "Wie gesagt: Der Weg zum Titel führt über uns." Schürrle: "Wie gesagt: Wir sind sehr selbstbewusst." Die Welt von Schürrle und Reus: die Welt des "wie gesagt". Wie gesagt.

Video: Deutschland schlägt Griechenland

13.03 Uhr: Schürrle: "Der Rasen war sehr tief." Reus: "Der Rasen war sehr tief." Die Worthülse im Zeitalter ihrer endlosen Reproduzierbarkeit. Jetzt aber eine Variation. Schürrle: "Es macht viel Spaß, mit Joachim Löw zu arbeiten." Reus: "Super gesagt, André!" Es geht doch.

13.00 Uhr: Stenger nennt Reus und Schürrle "siamesische Zwillinge". Man sehe sie immer zusammen. Die ersten Antworten lassen Zweifel an Stengers Zwillingsforschung aufkommen: Gibt es bei Zwillingen nicht immer einen, der eloquenter ist als der andere? Hier bisher: ein inhaltliches 0:0. "Wir schauen uns das Spiel zwischen England und Italien entspannt an...wir können alle unsere Leistung bringen...Wir sind ein starkes Team..." Es verbietet sich, zu schreiben, wer was sagt. "Wie der Marco schon gesagt hat..." - "Wie der André schon gesagt hat..." - immerhin das ist irgendwie zwillingsmäßig: Man hört alles doppelt.

12.55 Uhr: Und schon geht's los. In der Mitte: DFB-Pressesprecher Harald Stenger im Sommerhemd (dezentes Bleu). Links Reus (weiße Trainingsjacke), rechts Schürrle (in schwarz). Sieht farblich leicht fies aus. Stenger spricht einleitende Worte: "Andschela Merkel" wird im Zweifel nach Kiew zum Finale kommen. Was die Frage aufwirft, wie es gerade Julia Timoschenko geht. Interessiert hier wohl gerade keinen.

12.52 Uhr: Was ist rhetorisch zu erwarten? "Reus ist ja eine alte Quasselstrippe", sagt der Kollege am Tisch nebenan. Kurz glimmt Hoffnung, dann: "War 'nen Witz. Der stammelt doch nur rum." Schade.

Bildergalerie: Deutsche und griechische Fans verfolgen das EM-Viertelfinale

Deutsche und griechische Fans beim EM-Viertelfinale
Deutschland steht im Halbfinale, heute gehört die City-West uns! Während die Brüder feiernd aus dem Auto hängen, darf der Jüngste seine erste inoffizielle Fahrstunde absolvieren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: Reuters
23.06.2012 01:37Deutschland steht im Halbfinale, heute gehört die City-West uns! Während die Brüder feiernd aus dem Auto hängen, darf der Jüngste...

12.45 Uhr: Die Spannung steigt - das meinen wir jetzt gar nicht mal nur ironisch. Denn es gibt ja durchaus einiges, was man sich fragen kann nach einem solchen Spiel: was aus dem armen Schweinsteiger wird und dem gestern vor Kameras so schmallippigen Bankrückkehrer Mario Gomez. Ob Mesut Özil jetzt eigentlich gut war oder nicht. Und ob Podolski jetzt mit Schlag 100 Länderspielen für immer aus dem Team rotiert wurde. Über allem steht das, was sich ein bisschen als Leitfrage der deutschen Turnierrezeption ausmachen lässt: Waren wir jetzt eigentlich gut oder die Gegner schlecht? War das Spiel ein Muster ohne Wert oder eine echte Leistung? Man weiß ja heutzutage vor lauter Dominanz gar nicht mehr, wo oben und unten ist. Ob Reus und Schürrle uns da weiterhelfen können, ist allerdings fraglich.

12.25 Uhr: Guten Mittag allerseits zum täglichen Liveticker von der Pressekonferenz des Deutschen Fußballbunds (DFB) aus dem Mannschaftsquartier der deutschen Männer-Fußballnationalmannschaft. Als Antithese zu den ekstatischen Feierlichkeiten des Vorabends sind wir heute, wie man sieht, im Präzise-und-korrekt-Modus. Leider sind nicht alle so tight drauf wie wir, weshalb wir nicht genau sagen können, wann es hier ernst wird: Glaubt man der DFB-Homepage, geht's um so ungefähr "ab ca. 13 Uhr" irgendwann los. Worum es dann geht? Wohl in etwa so ungefähr vielleicht ein bisschen um das beliebte Spiel "Journalisten fragen, Spieler präsentieren die Früchte ihres Medientrainings". Das alles diesmal mit den gestrigen EM-Startelfdebütanten Marco Reus (1 Tor) und André Schürrle (kein Tor). Mal schauen, wie das wird...

Autor

12 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben