Sport : Lizenz zum Werfen

Chris Owens soll Alba im Spitzenspiel in Ludwigsburg zum Sieg führen

Benedikt Voigt

Berlin - Den Namen Wendell Alexis hat Chris Owens schon einmal gehört. „Er war ein großer Spieler, ein toller Kerl“, sagt der Basketballprofi von Alba Berlin. Was weiß er über den US-Amerikaner, der bis 2002 bei Alba Berlin auf seiner Position gespielt hat? „Er war ein großer Spieler, ein toller Kerl“, wiederholt der 28-Jährige, „aber ich kenne ihn nicht persönlich.“ Für welchen Verein hat Wendell Alexis denn gespielt? Owens lässt sich verunsichern von dieser Frage, er antwortet: „Ich denke, er war hier bei Alba?“ Schließlich habe er Alexis auf Fotos im Vip-Raum der Max-Schmeling-Halle gesehen. Von Owens hängt dort noch kein Foto.

Es ist ein weiter Weg, wenn Chris Owens die Spuren füllen will, die Wendell Alexis bei Alba hinterlassen hat. Dieser ist in sechs Jahren bei Alba Berlin sechsmal Meister geworden. Chris Owens kann heute im Spitzenspiel beim Tabellenzweiten EnBW Ludwigsburg (17 Uhr, live bei Premiere) einen kleinen Schritt in Richtung erster Meistertitel machen. Siegt Alba heute, ist den Berlinern drei Spiele vor Ende der Hauptrunde Platz eins nicht mehr zu nehmen. „Der erste Platz bringt Punkte für die Europaligawertung und das Heimrecht in den Play-offs, aber er ist letztendlich nicht entscheidend“, sagt Trainer Henrik Rödl. Seine zurückhaltende Bewertung hat einen Grund: Seit fünf Jahren ist in der Bundesliga der Erstplatzierte der Hauptrunde nicht Deutscher Meister geworden. In den letzten drei Jahren hat Alba dieses Schicksal getroffen.

Es geht also um Platz eins bei der Überraschungsmannschaft aus Ludwigsburg, und auf Chris Owens wird erneut ein großer Teil der Verantwortung dafür lasten. Zumal Kirk Penney und Nenad Canak weiterhin Leistenprobleme haben und auch Aufbauspieler William Avery angeschlagen aufläuft. Am Freitagabend führte der 2,04 Meter große Power Forward Owens Alba mit 23 Punkten und acht Rebounds zum Sieg (71:60) über Tübingen. Seit einigen Wochen hat sich der muskulöse und athletische Profi zum dominierenden Spieler bei Alba Berlin entwickelt. „Er ist ein Spieler, der auf hohem Niveau bestehen kann“, sagt Albas Geschäftsführer Marco Baldi, „aber er muss sich noch stabilisieren.“ Das ist ihm zuletzt immer besser gelungen.

Zuvor ist er oft zu eigensinnig aufgetreten. „Er muss locker bleiben“, sagt Baldi, „manchmal will er zuviel.“ Doch die Alleingänge nehmen ab. Seine wachsende Dominanz könnte dazu führen, dass er künftig öfters von zwei Gegenspielern verteidigt werden wird. „Dann muss der Pass rauskommen“, fordert Baldi. Seine Teamkollegen haben sich daran gewöhnt, dass der Ball in der Offensive meistens in die Hände von Owens kommen muss und von dort selten zurückkehrt. „Basketball ist ein Spiel der Hierachien“, sagt Nenad Canak, „und Chris Owens hat das Grüne Licht.“ Soll heißen, dass er die Lizenz zum Werfen hat.

Inzwischen macht Owens bei Alba sportlich von sich reden, und nicht nur dadurch, dass er der Großneffe von Jesse Owens, dem vierfachen Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele von Berlin 1936 ist. Ein Kreuzbandriss hat seine Karriere in der nordamerikanischen Profiliga NBA beendet, weshalb er auch die Ungeduld von Jovo Stanojevic nicht nachvollziehen kann. Der Centerspieler hat Alba vor einer Woche verlassen, weil er nach einem Kreuzbandriss nur noch wenig Spielzeit bekam. „Sein Weggang ist bedauerlich“, sagt Owens, „aber bei mir hat es ein Jahr gedauert, bis ich mich wieder gut gefühlt habe.“

Alba hat Chris Owens vor der Saison mit einem Zweijahresvertrag ausgestattet, wobei der Spieler eine Klausel besitzt, um vorzeitig auszusteigen. „Zum Beispiel wenn ein Verein das Dreifache bietet“, sagt Baldi. Seit 2002 hat sein Verein in jeder Saison nach einem Nachfolger von Wendell Alexis gesucht. Quadre Lollis, John Best, Michael Wright und erneut Lollis haben nicht an dessen Leistungen anknüpfen können. Wird es Chris Owens gelingen? Marco Baldi sagt: „Das hängt davon ab, wie lange er bleibt – und wie erfolgreich die gemeinsame Zeit ist.“

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