Sport : Lob des Langmuts

Stefan Hermanns

Das Schöne am Fußball im Unterschied zum Eiskunstlaufen ist, dass der Fußball zur Ermittlung des Siegers objektive Kriterien kennt. Es zählen nur Tore, und wer mehr Tore geschossen hat, bekommt am Ende drei Punkte. Manchmal aber ist auch Fußball kompliziert. Wenn die deutsche Nationalmannschaft gegen den Zwergenstaat Zypern 1:1 spielt, ist das dann nicht auch eine Niederlage? Objektiv betrachtet ist das 1:1 in Zypern ein Unentschieden, das der deutschen Nationalmannschaft den ersten Platz in ihrer EM-Qualifikationsgruppe eingebracht hat. Vor allem aber ist ein Unentschieden in Zypern kein Weltuntergang. Das hört sich banal an, ist es aber nicht. Vor einem Jahr wäre ein 1:1 gegen Zypern nämlich noch genau das gewesen.

Im deutschen Fußball waren zuletzt einige erfreuliche Tendenzen festzustellen, eine davon ist die neue Gelassenheit im Umgang mit der Nationalmannschaft. Allgemeine Hysterie hat beim Aufbau eines jungen Teams noch nie geholfen. Als die Spieler am Mittwoch in Nikosia das Feld verließen, haben ihnen die deutschen Fans im Stadion applaudiert – weil sie erkannt haben, dass hinter der dürftigen Leistung kein böser Wille steckte. Die deutsche Nationalmannschaft kann verlieren, wird verlieren, darf verlieren. Das war nicht immer selbstverständlich.

So viel Langmut ist nur möglich, weil das Publikum das Gefühl hat, dass schwache Spiele der Nationalmannschaft inzwischen eher die Ausnahme sind als die Regel. Dabei steckt die Mannschaft immer noch in der Entwicklung, Schwankungen sind auch weiterhin normal. Aber das Vertrauen in diesen notwendigen Prozess ist während der Weltmeisterschaft und in den Spielen danach enorm gewachsen. Vielleicht wäre die Mannschaft sogar schon weiter, wenn man auch Jürgen Klinsmann dieses Vertrauen von Anfang an entgegengebracht hätte.

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