Sport : Lobbyisten gegen das Neue

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Stefan Hermanns über mutlose deutsche Fußballfunktionäre

Es ist eine Sache der Betrachtungsweise: War die Arena Auf Schalke am Montag halb voll, oder war sie beim Benefizspiel für die Flutopfer halb leer? 36 200 Zuschauer wollten die Begegnung zwischen der deutschen FußballNationalmannschaft und den besten Ausländern der Bundesliga sehen. Wenn Schalke spielt, sind es regelmäßig 60 000.

Andererseits: 36 200 müssen erst mal zusammenkommen, an einem Montagabend im Dezember, wenn der ganze Tag ruhrgebietsgrau ist, die Temperatur Richtung Gefrierpunkt kriecht und man zur selben Zeit auch auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken kann. Der VfL Wolfsburg hat einen Tag zuvor sein neues Stadion eingeweiht. Das wollten 24 000 Menschen miterleben.

Die Kommentare der Beteiligten zu diesem Benefizspiel klangen zwar hinterher alle etwas zu sehr vorweihnachtlich beseelt, aber man muss ja nicht immer alles schlecht machen. Die ganze Veranstaltung ist schon deshalb über fast alle Zweifel erhaben, weil sie 3,5 Millionen Euro eingebracht hat. Es wäre also keine schlechte Idee, ein solches Spiel zu einer festen Einrichtung zu machen.

Aber warum soll es im Sport in dieser bleiernen Zeit anders sein als in der Politik? Wann immer jemand etwas Neues fordert, meldet sich ein anderer Jemand zu Wort, der erklären kann, warum gerade das nun überhaupt nicht geht. Was in der Politik die Lobbyisten sind, sind im Sport die Funktionäre. Werner Hackmann zum Beispiel, der Präsident der Deutschen Fußball-Liga, der auf den engen Terminplan verweist. Enger Terminplan ist das Totschlagargument, so wie es in der Politik die soziale Gerechtigkeit ist. Oder Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, der daran erinnert, dass die deutsche Nationalmannschaft schon jetzt alle zwei Jahre ein Länderspiel für den guten Zweck bestreite. Nur dass das niemand mitbekommt.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass beide den Großteil ihres Berufslebens in der Politik verbracht haben. Allzu viel Mut darf man da nicht erwarten. Nicht mal den, zu sagen: Es wird kein jährliches Benefizspiel geben.

Aber wäre es wirklich mutig, vor dem Saisonstart die Nationalmannschaft gegen ein Allstar-Team antreten zu lassen und stattdessen den Ligapokal abzuschaffen? Die letzten drei Endspiele dieses Wettbewerbs haben 32 500 Zuschauer gesehen. Zusammen. Obwohl Schalke zweimal mitgespielt hat.

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