Sport : Löcher in der Abwehr

Die Finanzkrise im Fußball ist jetzt auch bei den Spielern angekommen – viele wären im Notfall zu Gehaltskürzungen bereit

Stefan Hermanns,Daniel Pontzen

Von Stefan Hermanns

und Daniel Pontzen

Berlin. Es war in den Anfängen der Kirch- Krise. Ob er denn angesichts der Entwicklungen im Imperium des Leo Kirch beunruhigt sei, wurde Magnus Arvidsson, der schwedische Stürmer des Bundesligisten Hansa Rostock, damals gefragt. „Leo Kirch“, antwortete Arvidsson, „wer soll das denn sein?“ Aus der Kirch-Krise ist längst eine Finanzkrise des Fußballs geworden, und dass die Aussichten nicht mehr rosig sind, haben die meisten Profis inzwischen erkannt. Die Krise ist bei den Spielern angekommen.

In einer Umfrage des Fachblatts „Kicker“ gaben 52,5 Prozent von 242 befragten Bundesligaprofis an, sie seien bereit, Gehaltskürzungen hinzunehmen, wenn ihr Verein in finanzieller Not sei. 12 Prozent sind gar zu Einbußen ohne Begrenzung bereit. Nur ein Viertel schloss Gehaltskürzungen kategorisch aus, 22 Prozent wollten sich nicht äußern. „Die Umfrage widerlegt den landläufigen Vorwurf, dass die Fußballprofis nur ans Geld denken“, sagt Thomas Hüser, der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VdV. Herthas Manager Dieter Hoeneß spricht von einem „Lernprozess für die Spieler. Sie haben ein bisschen länger gebraucht.“

Jens Todt, Spieler beim hoch verschuldeten VfB Stuttgart, glaubt, „dass die überwiegende Mehrheit tatsächlich bereit wäre, auf einen Teil des Gehalts zu verzichten“. Außerdem sei die Krise ja nicht auf den Fußball beschränkt. „In vielen Branchen sieht es noch viel schlechter aus“, sagt der frühere Nationalspieler. Der Spielerberater Jörg Neubauer hält die Darstellung, „dass die Spieler nur auf die Kohle gucken, in den meisten Fällen für falsch“. Zu seinen Klienten zählen nicht nur Topleute wie Sebastian Deisler und Christoph Metzelder, die auch weiterhin gute Verträge bekommen werden, sondern auch eher unbekannte Fußballer wie Marco Küntzel und Rayk Schröder. Bei diesen Spielern müsse man das Verständnis dafür wecken, „dass es nicht immer so weitergehen wird“, sagt Neubauer. Im Moment könne man das den meisten „vernünftig und gut erklären“.

Die Spieler müssen zustimmen

Einbußen sind für viele Spieler ohnehin schon Realität, allerdings sind die vertraglich fixierten Gehälter bisher meistens nicht betroffen. Energie Cottbus hat mit den Spielern Kürzungen von durchschnittlich fünf Prozent ausgehandelt. In Kaiserslautern hatte der Vorstandschef René Jäggi gedroht, er werde die Hälfte der Gehälter einbehalten, wenn die Mannschaft nicht die nächsten beiden Spiele gewinne. Und beim Zweitligisten 1. FC Union wollte Präsident Heiner Bertram die Bezüge pauschal um 20 Prozent kürzen. Die Spieler begehrten dagegen auf, und erst unter Vermittlung der Gewerkschaft VdV kam ein Kompromiss zu Stande. Er sieht einen Verzicht von de facto fünf Prozent vor.

Dabei sind die Klubs immer auf die Zustimmung der Spieler angewiesen. Eine rechtliche Handhabe besitzen sie nicht. „Aber grundsätzlich kann sich wohl niemand davor verschließen, wenn der Arbeitgeber unverschuldet in Not gerät“, sagt Jens Todt. Die VfB-Spieler haben in der Bundesliga in dieser Saison noch keine Prämien bekommen, „was juristisch einwandfrei ist“, wie Todt sagt. Doch Rolf Rüssmann, der frühere Manager, forderte noch mehr Verzicht und versuchte es, indem er mit gutem Beispiel voranging. Er selbst und Trainer Felix Magath würden ebenfalls auf Geld verzichten. Magath aber hatte dazu nie sein Einverständnis gegeben, und auch die Spieler wehrten sich erfolgreich. „Ein Vertrag ist ein Vertrag“, sagt VdV-Geschäftsführer Hüser. Doch welche Wahl haben Spieler, wenn sie vor die Alternative gestellt werden: weniger Gehalt oder gar keins mehr, weil der Verein Pleite geht?

Einbußen bis zu 20 Prozent

Vor dieser Wahl standen im Sommer auch die Spieler beim Zweitligisten Alemannia Aachen. Zunächst hatte der Verein eine Spendenaktion „Rettet die Alemannia“ ins Leben gerufen, zu der die Spieler bereits 50000 Euro beigetragen hatten. Als das immer noch nicht reichte, sollten die Profis auf 20 Prozent ihres Gehalts verzichten. Das tun sie seit dieser Saison. Alemannia war der erste Profiklub, der diesen Weg ging. „Es gab Spieler, die mehr Klärungsbedarf hatten als andere“, sagt Sportdirektor Jörg Schmadtke.

Der VdV-Geschäftsführer Thomas Hüser sagt: „Das Problem ist, dass die Spieler zu den Schuldigen für die Misere gemacht werden. Aber ich kenne keinen Spieler, der einen Fernsehvertrag ausgehandelt hat, und ich kenne auch keinen Spieler, der im Management eines Vereins die Aufgabe der Vermarktung übernimmt.“ Ob schuldig oder nicht – gespart wird bei den Spielern. „Für durchschnittliche Leistung wird es in Zukunft auch wieder durchschnittliches Geld geben“, sagt Schmadtke. Doch auch das ist nicht unproblematisch, wie Borussia Dortmunds Manager Michael Meier anmerkt: „Im Tennis kannst du sagen: Guck auf die Rangliste, entsprechend verdienst du. Im Fußball muss man auch innerhalb einer Mannschaft das Klima wahren.“ Riesige Gehaltsunterschiede könnten da störend sein.

Schon jetzt haben viele Klubs die Prämien gekürzt, und richtig durchschlagen wird die Krise, wenn es um neue Verträge geht. „Die Position der Vereine ist sicher nicht schlechter geworden“, sagt Dieter Hoeneß. Die Spieler, mit denen Herthas Manager zurzeit verhandelt, müssen sich auf Einbußen bis zu 20 Prozent einstellen. Früher galt die Faustregel, dass Spieler, die ablösefrei waren, ihr Einkommen verdoppeln konnten. „Viele Spieler haben damit kokettiert, dass sie ablösefrei sind und dadurch ein hohes Gehalt ausgehandelt haben“, sagt Jens Todt. Das ist vorbei. „Heute stehen 50 Profis hinter dir in der Reihe, die den Job auch haben wollen.“

Herthas Manager Hoeneß sagt: „Die Entwicklung ist sicher gut für den Fußball.“ Gut ist sie zumindest für die Mitgliederzahl bei der Spielergewerkschaft. Seit dem Sommer haben sich 60 Profis bei der VdV angemeldet. Das spricht für eine gewisse Unsicherheit in der Branche. Auch Hoeneß hat festgestellt, dass für viele Spieler plötzlich andere Werte entscheidend sind, eine Perspektive für die Zeit nach dem Fußball zum Beispiel: „Noch vor zwei Jahren haben sich viele Spieler überhaupt nicht dafür interessiert.“

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