Sport : Löw bleibt Löw

In der ersten Krisensituation seiner Amtszeit weigert sich der Bundestrainer standhaft, seine Philosophie über den Haufen zu werfen. Zu Recht – denn allein daraus bezieht die Nationalelf ihre Stärke

Stefan Hermanns[Ascona]

In den Tagen, in denen das Wetter in Mitteleuropa von einer flachen Druckverteilung geprägt ist, wurde auch Oliver Bierhoff zu meteorologischen Fragen vernommen. Dabei ging es nicht um die aktuelle Wetterlage – es ging ums große Ganze. „Ich spüre keinen Klimawandel“, berichtete der Teammanager aus dem Mikrokosmos der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Doch mit der 1:2-Niederlage gegen Kroatien hat sich die Großwetterlage rund um das Team geändert: Es zucken die Blitze, der Donner grollt, und wenn die Deutschen heute gegen Österreich den Einzug ins Viertelfinale der EM verspielen, wird ein mächtiges Unwetter losbrechen. Und dann? „Wir denken nicht an Dinge, die möglicherweise passieren könnten“, sagt Bundestrainer Joachim Löw.

So hat er es immer schon gehalten. Vor zwei Jahren, kurz nach der Weltmeisterschaft, konnte Löw glaubhaft versichern, dass er sich nicht eine einzige Sekunde mit der Frage beschäftigt habe, ob sein Vorgesetzter Jürgen Klinsmann aufhöre oder weitermache. Vielleicht ist Löw wirklich so cool. Schon damals ging es um seine berufliche Zukunft, insofern ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass der Bundestrainer auch diesmal alle Eventualitäten ausblendet. Joachim Löw bleibt Joachim Löw – das ist die Nachricht, die er jetzt am liebsten verbreitet sehen möchte. Ob es eine gute ist oder eine schlechte, entscheidet sich heute Abend im Wiener Ernst-Happel-Stadion.

In den vergangenen Tagen wurde aus dem deutschen Lager fortlaufend darauf verwiesen, dass die Mannschaft in den vergangenen Jahren immer wieder mit komplizierten Situationen fertig geworden sei und sie erst unter Druck ihre wahre Stärke bewiesen habe. Das ist eine Legende. Joachim Löw erlebt gerade die schwierigste Situation seiner Amtszeit als Bundestrainer – weil es für ihn überhaupt noch keine schwierige Situation als Bundestrainer gegeben hat. Seine Mannschaft ist geradezu durch die Qualifikation gerauscht. Die einzige Niederlage dabei, ein ernüchterndes 0:3 gegen Tschechien, erlaubten sich die Deutschen, nachdem sie sich die Teilnahme für die EM bereits gesichert hatten.

Seitdem Löw Bundestrainer ist, musste er vor allem die schönen Erfolge seiner Mannschaft moderieren. Er hat das sehr geschickt gemacht, mit einer gewissen Lässigkeit, die sich vor allem aus seiner fußballerischen Kompetenz speiste. Jetzt aber fragt sich das Land: Kann Löw auch Krise? „Er ist lauter geworden“, berichtete Kapitän Michael Ballack. „Das ist ganz normal nach so einer Niederlage. Mehr ist dazu nicht zu sagen.“

Ein klassischer Krisentrainer ist Löw jedenfalls nicht. Seinen größten beruflichen Misserfolg erlebte er um die Jahrtausendwende im Abstiegskampf mit dem Karlsruher SC – als Löw nicht erkannte, dass der Mannschaft ganz einfach die Voraussetzungen für seinen Fußball fehlten. „Wahrscheinlich hätte ich das Team hinten reinstellen und nur noch zerstören lassen müssen.“ Aber Löw blieb stur. Der KSC gewann unter ihm von 18 Spielen nur eins und stieg in die Regionalliga ab.

Gegen Österreich reicht den Deutschen heute ein Unentschieden für den Einzug ins Viertelfinale. Aber hinten reinstellen und zerstören? „Wir werden nicht hingehen und alles komplett über den Haufen werfen“, sagt der Bundestrainer, und sein Assistent Hans-Dieter Flick versichert: „Ein Unentschieden ist nicht in unserem Gedankengut.“ Löw kann nicht anders, als sich treu zu bleiben: „Ich bin nicht der Trainer, der sagt: Wir müssen jetzt Gras fressen. Ich möchte spielerische Lösungen.“

Wenn es schiefgeht, werden ihm solche Sätze als Mangel an Leidenschaft ausgelegt. Aber Löw ist Pädagoge, kein Demagoge. Schon als Spieler hat es ihm nicht genügt, wenn sein Trainer ihn aufforderte, er müsse besser in die Zweikämpfe kommen. Er wollte auch wissen, wie. Joachim Löw versteht Fußball als Lernspiel, und als Bundestrainer ist er so etwas wie der erste Lehrer der Nation: Löw hat das ganze Land über mangelhaftes Zweikampfverhalten aufgeklärt, er hat über Defizite bei der Passgeschwindigkeit referiert und kann über Ballkontaktzeiten mit einer Begeisterung reden wie andere über ihren ersten Kuss. Mit seinen öffentlichen Vorlesungen hat Löw das einstige Arbeiterspiel schleichend akademisiert.

Selbst wenn die Mannschaft das Viertelfinale verpassen sollte, wird es eine Linie geben, hinter die der deutsche Fußball nicht mehr zurück kann – egal ob der Bundestrainer dann noch Joachim Löw heißt oder nicht. Deutschland hat zu wenige natürliche fußballerische Begabungen, als dass man die Spieler sich einfach ihrer Intuition überlassen könnte. „Wir spielen seit kurz vor der WM mit seinem System, das sehr gut funktioniert hat“, sagt Kapitän Ballack. „Man sieht, dass die Mannschaft sich fußballerisch verbessert hat.“ Die Stärke der Nationalmannschaft in den vergangenen beiden Jahren war eine angelernte. Man könnte auch sagen: Die Stärke hat die Nationalmannschaft vor allem ihrem Fußballlehrer Joachim Löw zu verdanken.

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