Sport : Löw im Unterricht

Julian Draxler glaubt an die Chance im Nationalteam.

Thorsten Langenbahn

Gelsenkirchen - Als der Bundestrainer anrief, saß Julian Draxler gerade im Geschichtsunterricht. Lautlos vibrierte das Handy, die Nummer im Display sagte dem 18-Jährigen zunächst nichts. Erst, als er in der Pause die Mailbox abhörte, kam ihm die Stimme im badischen Dialekt ziemlich bekannt vor. „Ich dachte, ich bin im falschen Film“, sagt Draxler, der neben seiner Arbeit als Mittelfeldspieler beim FC Schalke 04 die Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen-Buer besucht und sich gerade auf sein Fachabitur vorbereitet.

Nachdem Draxler die Mailbox abgehört hatte, glaubte er zunächst noch an einen Telefonscherz. Erst als sich beim Rückruf am anderen Ende ein gewisser Herr Löw meldete, wurde ihm klar, was der Anruf bedeutete. „Da wusste ich, dass er es ernst meint und mich in den vorläufigen Kader zur Europameisterschaft berufen hat“, sagt Draxler. Statt am Dienstag mit der Schalker Mannschaft zur Saisonabschlussfahrt nach New York aufzubrechen, fliegt er am Freitag mit der Reisegruppe Löw ins Trainingslager nach Sardinien. Bis dahin geht er normal zur Schule.

Sein Vereinscoach betrachtet die EM-Vorbereitung als fußballerische Bildungsreise. „Julian kann in den nächsten Tagen sehr viel lernen“, sagt Schalkes Trainer Huub Stevens. Vermutlich bleibt es zunächst bei diesem Crashkurs Nationalmannschaft, denn bis zur Bekanntgabe des endgültigen EM-Kaders in drei Wochen muss Löw noch drei Feldspieler aussortieren. „Im Moment geht noch jeder davon aus, dass ich gestrichen werde“, sagt Draxler. „Aber ich werde versuchen, den Bundestrainer zu überzeugen und vielleicht doch dabei zu sein.“

Die Konkurrenz im offensiven Mittelfeld wirkt übermächtig: Mesut Özil, Toni Kroos, Mario Götze, Marco Reus, Thomas Müller, Lukas Podolski. „Es ist eine Riesenehre, mit solchen Weltklassespielern zu trainieren und womöglich auch zu spielen“, sagt Draxler. Die hatte der Schüler in 45 Bundesligaspielen und 17 europäischen Einsätzen auch schon bei Schalke. Sein Profidebüt im Januar 2011 als viertjüngster Bundesligaspieler aller Zeiten feierte er an der Seite von Stars wie Klaas-Jan Huntelaar und Raúl. Der spanische Weltklassespieler lobte Draxler nur kurze Zeit später: „Ich mag an ihm, dass er sowohl ehrgeizig als auch bescheiden ist. Wenn die Älteren etwas erzählen, hört er sehr genau zu.“ Die Nummer des Bundestrainers hat Julian Draxler mittlerweile unter „Joachim Löw“ in seinem Handy gespeichert, den nächsten Anruf wird er bestimmt annehmen. Die Vorzeichen stehen gut: An der Gesamtschule Berger Feld lernten auch schon Mesut Özil und Manuel Neuer. Thorsten Langenbahn

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