Sport : Löwe hinter roten Gittern

Noch nie zuvor bekam 1860 die Dominanz des FC Bayern so schmerzhaft vorgeführt wie im jüngsten Derby von München

Martin Hägele

München. Die Hierarchie im Münchener Fußball ist eindeutig – schmerzhaft eindeutig für die zweitbeste Mannschaft aus der bayrischen Hauptstadt. Diesen Schluss ließ das jüngste, das 197. Derby zu. Schließlich hatten die Bayern Lokalkonkurrent 1860 ordentlich demontiert und deren Trainer Peter Pacult somit vor die undankbare Aufgabe gestellt, das Debakel zu erklären. Ein 0:5 im Derby, wie geht das?

„Bis zur 60. Minute habe ich nicht geglaubt, dass in diesem Spiel ein Sieger vom Feld geht“, sagte Pacult. „Es ist unerklärlich, wie man so die Ordnung verlieren kann.“ Wie ein Lehrling saß der Wiener in Trainingshose und blauem Dress auf dem Medien-Podium neben dem Herrn Hitzfeld, der wie immer im feinen Anzug erschienen war. Man konnte die Kräfteverhältnisse im Münchner Fußball bereits an der Kleiderordnung der beiden Sportchefs festmachen. Der große ist dem kleinen Stadtrivalen um eine ganze Atmosphäre voraus, noch nie in den 40 Jahren Bundesliga war der Unterschied zwischen Rot und Blau in München so gewaltig wie am Sonnabend.

Seine Mannschaft habe sich „ein bisschen in einen Spielrausch gespielt“, sagte Ottmar Hitzfeld. Übrigens war dies in neuem schmucken Outfit passiert: Denn es war der erste Aufritt des FC Bayern in der neuen Trikot-Kollektion, die demnächst sogar auch auf dem asiatischen Markt angeboten wird. Besonders die Hemden von Oliver Kahn dürften da gefragt sein, in Japan etwa ist der Nationaltorhüter mittlerweile einer der populärsten Sportler überhaupt.

Internationalität ist ohnehin der große Trumpf des FC Bayern. Hitzfelds Ensemble kann sich jetzt wieder auf die Logik verlassen, die beim schmerzlichen Aus in der Champions League im Herbst verloren gegangen war: Nationalspieler aus Brasilien, Frankreich, Peru, England, Kroatien und natürlich mit Kahn, Ballack, Scholl und Deisler vier herausragende gute deutsche Profis – eine solche Auswahl kann sich problemlos auf ein Geduldsspiel einlassen mit einer biederen, bodenständigen Mannschaft wie 1860 München. Hämisch hatten Anhänger aus der Bayern-Südkurve auf eine Fahne gepinselt, was sie vom Gegner halten. „TSV 1859 und ein schwarzer Löwe hinter roten Gittern“. Den Sechzigern das Geburtsdatum gefälscht und sie ins Bayern-Gefängnis gesteckt. Das – zugegeben etwas unverschämte – Bild illustriert die Situation im Münchner Fußball. Es gibt kein Vorbeikommen an den Bayern, das ist für 1860 harte Realität. Mehr als kleine Nadelstiche sind nicht derzeit drin. Der letzte erfolgte vor drei Jahren, am 15. April 2000 gewann 1860 mit 2:1. In der Bundesliga gab es bisher 34 Derbys, mit 19 Siegen liegen die Bayern klar vorn. Trotzdem, so heftig wie am Sonnabend muss es dann doch nicht sein. Auch deshalb war die höchste Instanz von der Grünwalder Straße wütend wie lange nicht mehr. Karl-Heinz Wildmoser wirkte in der schlimmsten halben Stunde seiner Präsidentschaft so, als hätte er am liebsten seine ganze Mannschaft entlassen: Nach Spielschluss umlagerten seine leitenden Angestellten mit hilflosen Gesichtern den zornesroten Patron.

1860 hatte nur eine Torchance gehabt. Nationalspieler Benjamin Lauth hatte es in der 40. Minute mit einem Kopfball versucht. Ansonsten musste sich der Teenager-Schwarm – inzwischen von den Fans als „Benny-Bomber“ apostrophiert – vorrechnen lassen: Von 17 Zweikämpfen nur zwei gewonnen, in der 65. Minute ausgewechselt. Dumm für Trainer Pacult, dass Talent Lauth trotzdem die meiste Courage in einer überforderten Mannschaft gezeigt hatte. Probleme, die außerhalb des „Löwen-Stüberls“ am Trainingsgelände von 1860 und der Münchner Stadtgrenzen nur wenige Menschen interessieren. Der Alltag heißt FC Bayern und beschäftigt sich mit den Fragen, ob die Formkurve von Mehmet Scholl, den der Aufsichtsratsvorsitzende Franz Beckenbauer nach dessen drei Toren im Derby auf einer Stufe mit Real Madrids portugiesischen Starspieler Figo sah, gar noch steigt und wie der weitere Integrationsprozess des lange verletzten Sebastian Deisler verläuft. „Wie Deisler das 5:0 für Scholl vorbereitet hat, das war absolute Weltklasse“, sagte etwa der Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge.

Werbung fürs nächste Derby gegen den 1. FC Nürnberg brauchen die Bayern jedenfalls nicht mehr – auch wenn sich in München viele noch daran gewöhnen müssen, dass solche Partien momentan angesichts bayerischer Abstinenz in der Champions League die Höhepunkte der Saison sind, dabei aber angesichts des dominanten FC Bayern nicht immer Spannung garantieren. Das jüngste Derby war ein Beleg dafür.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben