Sport : Logbuch einer Erfolgsgeschichte

Wie Bundestrainer Joachim Löw die Nationalelf nach der WM auf ein konstant hohes Niveau geführt hat

Sven Goldmann[Dublin]

Er kam als Assistent und startete so erfolgreich wie keiner seiner Vorgänger. Am 1. August des vergangenen Jahres trat Joachim Löw in der Nachfolge von Jürgen Klinsmann seinen Job als Bundestrainer an. Der Motivator Klinsmann hatte der Nationalmannschaft als Projektmanager für die WM 2006 einen neuen Stil und neues Selbstbewusstsein vermittelt. Dem Fußballfachmann Löw gelang es, das Spiel der Mannschaft dauerhaft auf ein neues Niveau zu heben. Ein Rückblick auf die seit 439 Tagen währende Ära des Bundestrainers Joachim Löw.

16. August 2006 in Gelsenkirchen

3:0 gegen Schweden

38 Tage nach dem rauschenden Abschied am Brandenburger Tor kehren die deutschen Fußballspieler stürmisch auf die internationale Bühne zurück. Bernd Schneider schießt das erste Tor in der Ära Löw, es ist sein zweites in der Nationalmannschaft (vier Jahre nach dem finalen 8:0 über Saudi-Arabien). Herthas Verteidiger Malik Fathi ist der erste Debütant unter dem neuen Bundestrainer Joachim Löw. Als liebenswerte Gäste wollen die Schweden das Wiedersehen der deutschen Fans mit ihren WM-Helden nicht weiter stören. Mal abgesehen von Anders Svensson, der Lukas Podolski sagt, was er ihm schon immer sagen wollte, nämlich „dass er ein weinerlicher Scheißkerl ist“. Beim deutschen 2:0 gegen die Schweden im WM-Achtelfinale hatte der weinerliche Scheißkerl übrigens beide Tore geschossen.

2. September 2006 in Stuttgart

1:0 gegen Irland (EM-Qualifikation)

Die Stuttgarter feiern die deutsche Mannschaft ähnlich laut, wie sie das bei der WM nach dem 3:1 im Spiel um Platz drei gegen Portugal getan haben. Joachim Löw weist darauf hin, dass es kein Wiedersehen mit seiner schwäbischen Heimat ist, weil er nämlich aus Baden kommt. Er stellt Lukas Podolski auf, obwohl der beim FC Bayern nur Ersatzspieler ist. Nach einer Stunde schießt der das deutsche Siegtor. Es ist Podolskis 21. Tor in 34 Länderspielen, und das mit gerade 21 Jahren. Nicht mal Gerd Müller, Ur-Vater aller Torjäger, war so früh so gut.

6. September 2006 in Serravalle

13:0 gegen San Marino (EM-Qualifikation)

Auf dem Dorfsportplatz von Serravalle, einer der neun Mini-Gemeinden der ältesten Mini-Republik der Welt, arbeitet Bernd Schneider konsequent an seiner neuen Karriere als Torjäger. In der Schlussminute verwandelt er einen Handelfmeter zum entscheidenden 13:0. Entscheidend deshalb, weil damit der zweithöchste Sieg der deutschen Länderspielgeschichte geschafft ist, nach dem 16:0 gegen Russland bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm. Die Russen sollen damals schwer betrunken gewesen sein. Die Sanmarinesen sind noch so geistesgegenwärtig, dass sie den deutschen Torhüter Jens Lehmann gestenreich davon abhalten, den Elfmeter auszuführen.

7. Oktober 2006 in Rostock

2:0 gegen Georgien

Der Bundestrainer ist in Experimentierlaune und bietet gleich vier Neulinge auf. Clemens Fritz, Piotr Trochowski, Jan Schlaudraff und Alexander Madlung machen ihre Sache laut Löw „durchweg absolut zufriedenstellend und gut“. Malik Fathi macht sein zweites und bislang letztes Länderspiel. Bastian Schweinsteiger und Michael Ballack schießen die Tore, aber später wird fast nur über Lukas Podolski geredet, weil der das Stollenwerk seines Schuhs im Schienbeinschoner seines Gegenspielers verewigt. Der Schiedsrichter steht direkt daneben und stellt den Münchner vom Platz. „Darüber wird noch zu reden sein“, sagt Joachim Löw.

11. Oktober 2006 in Bratislava

4:1 gegen die Slowakei (EM-Qualifikation)

Podolski darf spielen und tut das so gut wie zuletzt in den Tagen der Weltmeisterschaft. Zwei Tore, das erste und das letzte schießt er beim beeindruckenden Auftritt in Bratislava, und Löw rühmt ihn als „Juwel, er ist unglaublich weit für sein Alter“, und das Spiel in der ersten Halbzeit sei „annähernd perfekt gewesen“. Nur einer ist unzufrieden. Lukas Podolski. Er ärgert sich über Michael Ballack, der ihn vor dem Spiel öffentlich zurechtgewiesen hatte. „Was andere sagen, ist mir scheißegal“, poltert der Münchner. Ballack reagiert gelassen: „Ein guter Spieler gibt die Antwort auf dem Platz. Das hat Lukas getan.“

15. November 2006 in Nikosia

1:1 gegen Zypern (EM-Qualifikation)

Michael Ballack schießt sein 35. Länderspiel-Tor, aber es reicht nicht zum sechsten Sieg im sechsten Spiel unter Löw. Im letzten Länderspiel des WM-Jahres treten die Zyprer überraschend aggressiv auf und schaffen kurz vor der Pause durch Ioannis Okkas den Ausgleich. Der Bundestrainer sagt, man müsse auch mal mit einem Unentschieden zufrieden sein. Weniger zufrieden ist er damit, dass Miroslav Klose die zweite Gelbe Karte im laufenden Wettbewerb sieht. Er ist damit automatisch gesperrt für das nächste Qualifikationsspiel, und das ist kein ganz unwichtiges, sondern das Gipfeltreffen mit den Tschechen in Prag.

7. Februar 2007 in Düsseldorf

3:1 gegen die Schweiz

Ein Comeback und ein Debüt prägen das erste Länderspiel des Jahres. Kevin Kuranyi trägt erstmals seit seiner Ausbootung vor der WM wieder das deutsche Trikot. Ganze sechs Minuten braucht er, um sich als Torschütze in Erinnerung zu bringen. Als nächster ist Mario Gomez dran, Kuranyis Nachfolger in Stuttgart, den Löw zum ersten Mal berufen hat. Die beiden Torschützen harmonieren überraschend gut. Sie haben schon in Stuttgart zusammen trainiert, vor knapp zwei Jahren. Der freundlich-zurückhaltende Gomez sagt, es sei „nicht meine Intention, jemanden zu verdrängen“.

24. März 2007 in Prag

2:1 gegen Tschechien (EM-Qualifikation)

Mario Gomez ist verletzt, Miroslav Klose gesperrt, aber es gibt ja noch Kevin Kuranyi. Der Schalker krönt das beste deutsche Länderspiel seit Jahren mit zwei Kopfballtoren. Es ist das bislang letzte Länderspiel von Michael Ballack. Der tschechische Trainer Karel Brückner verneigt sich vor den Deutschen: „Wir haben lange nicht mehr gegen eine so starke Mannschaft gespielt.“ War das schon das perfekte Spiel? „Das gibt es im Fußball nicht“, sagt Joachim Löw. „Man kann immer nur versuchen, möglichst nahe ranzukommen.“

28. März 2007 in Duisburg

0:1 gegen Dänemark

Vier Tage nach der Gala von Prag verordnet der Bundestrainer seiner Mannschaft einen Regenerations-Mittwoch und schickt neun neue Spieler auf den Platz. Dänemarks Trainer Morten Olsen beschwert sich über mangelnden Respekt seines Kollegen, die Zuschauer in Duisburg pfeifen, was der Bundestrainer wiederum respektlos findet. „Das hat die Mannschaft nicht verdient“, sagt Löw. Man könne doch nicht die Nachwuchsförderung propagieren und „dann enttäuscht sein, wenn man verliert“. Der Kölner Zweitligaspieler Patrick Helmes darf bei seinem Debüt zwölf Minuten lang mitspielen und bringt sich mit zwei Torchancen und einem Lattenschuss ins Gespräch. Zehn Minuten vor Schluss erzielt Nicklas Bendtner das dänische Siegtor und fügt Löw die erste Niederlage im neunten Spiel als Bundestrainer zu.

2. Juni 2007 in Nürnberg

6:0 gegen San Marino (EM-Qualifikation)

Vor dem Spiel wird viel über das 16:0 gegen Russland gesprochen und ob das wirklich ein Rekord für die Ewigkeit sein muss. „Gebt Gas, habt Spaß!“, sagt Teammanager Oliver Bierhoff, aber der Spaß lässt auf sich warten. Jens Lehmann hat Glück, dass der Schiedsrichter nicht sieht, wie er weit außerhalb seines Strafraums mit der Hand an den Ball geht. Die erste Halbzeit ist fast vorbei, da schafft Kevin Kuranyi doch noch das 1:0. „So eine Mannschaft, die mit Mann und Maus im Strafraum steht, musst du auch mal müde spielen“, sagt Joachim Löw. Der für Kuranyi eingewechselte Mario Gomez schießt in zwei Minuten zwei Tore. Miroslav Klose spielt 90 Minuten und geht leer aus. Dem Bremer schwirrt anderes durch den Kopf: der Wechsel zum FC Bayern.

6. Juni 2007 in Hamburg

2:1 gegen die Slowakei (EM-Qualifikation)

Zehn Tage nach dem letzten Bundesligaspieltag spürt der Bundestrainer, „dass die Spieler im Kopf ein bisschen leer sind“, und kein Kopf ist so leer wie der von Miroslav Klose. Der Streit zwischen Werder und Bayern lähmt seine Beine, und als er sie doch einmal im richtigen Moment in Gang bekommt, ist der slowakische Verteidiger Durica schneller und schießt den Ball zur deutschen Führung ins eigene Tor. Christoph Metzelder gelingt auf deutscher Seite das gleiche Kunststück zum Ausgleich. Thomas Hitzlsperger schafft kurz vor der Pause das schmeichelhafte Siegtor, und Joachim Löw erkennt nach dem letzten Spiel in seinem ersten Jahr als Bundestrainer, dass seine Mannschaft mittlerweile gut genug ist, auch schwächere Spiele zu gewinnen.

22. August 2007 in London

2:1 gegen England

Das zweite Länderspiel im neuen Wembley bringt für England zwei beunruhigende Erkenntnisse. Erstens: 6000 deutsche Fans singen lauter als 80 000 englische. Zweitens: Mittlerweile kann sogar eine bessere deutsche B-Mannschaft in der Festung Wembley gewinnen. Michael Ballack, Torsten Frings, Lukas Podolski und der mittlerweile nach München gewechselte Miroslav Klose fehlen verletzt. Philip Lahm spielt zum ersten Mal und mit großem Erfolg auf der zentralen Position im defensiven Mittelfeld. Das frühe englische Führungstor von Lampard gleicht Kuranyi aus, kurz vor der Pause hat Christian Pander seinen großen Auftritt. Aus 20 Metern wuchtet der Schalker Debütant den Ball zum entscheidenden 2:1 ins Tor. Er ist der 14. und bislang letzte Debütant der Ära Löw. Jürgen Klinsmann und Angela Merkel jubeln auf der Tribüne mit.

8. September 2007 in Cardiff

2:0 gegen Wales (EM-Qualifikation)

Eigentlich sind Michael Ballack, Bernd Schneider und Tim Borowski im deutschen Spiel für das kreative Element zuständig. Weil alle drei in Cardiff passen müssen, stellt der Bundestrainer Bastian Schweinsteiger in die Zentrale. Der Münchner ist der beste Mann auf dem Platz, auch wenn die Statistik den zweifachen Torschützen Miroslav Klose favorisiert. Löw lobt Schweinsteiger als „präsent und willensstark, er hat das Spiel an sich gerissen und ist viel gelaufen“. Viel mehr kann man im modernen Fußball nicht tun.



12. September 2007 in Köln

3:1 gegen Rumänien

Wenn nichts mehr geht, dann geht wenigstens noch was bei Bernd Schneider. In den 13 Monaten unter Joachim Löw hat der Leverkusener seine Torquote in Länderspielen vervierfacht. In Köln köpft er gegen Rumänien nach müdem Beginn das 1:1. „Ich habe schon viel mit Köpfchen gemacht, aber ein Kopfballtor noch nie“, sagt Schneider. David Odonkor, mit Betis Sevilla fast abgestiegen und in Deutschland fast vergessen, gelingt das 2:1. Den Schlusspunkt setzt Lukas Podolski, der in München mal wieder auf der Bank sitzt.

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