Lokalsport : Punkte für den Glauben

Für Volleyball-Olympiasieger Scott Touzinsky vom SC Charlottenburg hat Ostern eine ganz besondere Bedeutung. Der tief religiöse Katholik suchte überall auf der Welt nach der richtigen Gemeinde, in Berlin hat der US-Amerikaner sie gefunden.

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Mit Gott gewachsen. Der zwei Meter große Scott Touzinsky aus St. Louis vor seiner Lieblingskirche St. Hedwig am Berliner Bebelplatz.
Mit Gott gewachsen. Der zwei Meter große Scott Touzinsky aus St. Louis vor seiner Lieblingskirche St. Hedwig am Berliner...Foto: Paul Zinken

Die Mama war am Telefon, und Mutter Touzinsky klang doch etwas besorgt. Hätte ja sein können, dass ihr Sohn diesen wichtigen Tag vergisst. Es war Gründonnerstag, und der Sohn hörte die mütterliche Ermahnung: „Denk dran, dass morgen Karfreitag ist.“ Ein netter Hinweis, aber selbstverständlich völlig überflüssig. Ein Mann, der seit Jahren aus religiösen Gründen freitags kein Fleisch isst, der seinen Sohn neun Tage nach der Geburt hat katholisch taufen lassen, der schon 1990 im Footballstadion von St. Louis, USA, begeistert dem Papst zugejubelt hatte, der vergisst Karfreitag nicht. „Aber Mama“, sagte Scott Touzinsky, „ich habe noch nie Karfreitag vergessen.“

Karfreitag natürlich, vor allem aber Ostern, für Katholiken der höchste Feiertag, gehören für den gläubigen Katholiken Scott Touzinsky zu den Höhepunkten des Jahres. „Der Glaube bedeutet mir sehr viel“, sagt er. Der 28-Jährige Weltklasse-Volleyballer hat auch deshalb im vergangenen Sommer beim SC Charlottenburg unterschrieben, weil er in eine Stadt wollte, in der er problemlos den Gottesdienst besuchen kann. Heute wird er mit seiner Frau in der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin-Mitte die Ostermesse feiern. Gestern siegte er mit dem SCC im zweiten Halbfinalspiel um die deutsche Meisterschaft in der Schmeling-Halle gegen Generali Haching souverän mit 3:0 und zog damit ins Finale ein. Also hat er heute Zeit, die Messe zu besuchen.

Manchmal schafft er es nicht. „Wenn wir von Auswärtsspielen teilweise am Sonntag um sechs Uhr morgens nach Berlin zurückkommen, gehe ich nicht mehr“, sagt Touzinsky. „An 35 Sonntagen ungefähr“, sagt er, „gehe ich zur Messe.“ Mehr lässt der Spielplan nicht zu.

Der US-Amerikaner ist mit dem katholischen Glauben aufgewachsen. Seine Eltern sind tief religiös, er wurde am dritten Tag nach seiner Geburt getauft, in St. Louis stand die Kirche auf der anderen Straßenseite seines Elternhauses. Scott Touzinsky besuchte eine katholische High-School, der tiefe Glaube begleitet seinen gesamten Lebensweg.

In der St.-Hedwigs-Kathedrale wird die Messe auch auf Englisch gelesen, das ist praktisch für Touzinsky. So einfach hatte er es nicht immer. Als er in Belgien spielte, besuchte er einmal mit seiner Mutter in Brüssel einen polnischen Gottesdienst. Es war Winter, die Kirche war unbeheizt, die Touzinskys konnten die Atemwolken des Pfarrers sehen, und Mutter Touzinsky stöhnte irgendwann mal: „That’s crazy.“ Als der Außenangreifer in Spanien spielte, lauschte er einem auf Spanisch predigenden Pfarrer, alles kein Problem. „Der Ablauf der Messe ist auf der ganzen Welt gleich, damit kann ich alles gut verfolgen“, sagt er.

Nur in Istanbul stieß er an Grenzen. Dort gibt es eine einzige katholische Kirche, die lag noch eine Fahrstunde von ihm entfernt, da konnte er die Messe nicht besuchen. Also bat er seine Mutter, sie möge ihm doch bitte die Predigt schicken, die der Pfarrer in St. Louis an diesem Sonntag gehalten habe. Und beten kann er auch zu Hause. Das macht er sowieso jeden Tag.

Es gibt natürlich diese intensiven Momente, in denen er das Gefühl hat, Gott ist direkt bei ihm, mit seiner Kraft, mit seiner Liebe. Zum Beispiel nachdem seine Großmutter gestorben war. Der junge Scott Touzinsky hatte gerade mit seiner High-School-Volleyball-Mannschaft ein wichtiges Spiel gewonnen, da erfuhr er Minuten nach dem Abpfiff von einem Angehörigen die tragische Nachricht. „Innerhalb von einer Sekunde bin ich von totaler Freude in tiefe Trauer gefallen“, sagt er. Auf dem Weg nach Hause, da habe er diese intensive Nähe gespürt. „Gott hat mich in meiner Trauer wieder aufgebaut, er hat mich motiviert, mich nicht hängen zu lassen.“

Oder in Griechenland, als er dort unter Vertrag war und eine üble Beinverletzung hatte, so übel, dass er nicht wusste, ob er überhaupt wieder spielen kann. Auf einen Schlag waren die großen Pläne des Scott Touzinsky zusammengefallen. „Ich wollte wie jeder Jugendliche möglichst viel Geld verdienen“, sagt er. Mit Volleyball. Aber jetzt lag er da, voller Zweifel, und er erkannte, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Volleyball. „Ich habe es als Botschaft von Gott empfunden, dass ich nun erkennen konnte, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Sport.“ Wichtige Lebenserfahrung, das Gefühl von Demut, das hat viel mit seinem Glauben zu tun. Olympiasieger 2008 mit den US-Team wurde er trotzdem.

Kein Wunder, dass er im Sport seinen Glauben am stärksten spürt, wenn es um Verletzungen geht. Da betet er quasi zu Gott, dass sich niemand ernsthaft wehtut. „Ich wünsche meinen größten Rivalen oder Feinden keine Verletzung“, sagt Touzinsky. Aber, bitte, nicht alles, was auf dem Feld passiert, hat etwas mit göttlicher Fügung zu tun, das betont er auch. „Wenn ein Ball ganz knapp ins Aus geht oder einen Finger streift und wir deshalb einen Punkt machen, dann hat das nichts mit Glaube zu tun. Das ist einfach Pech.“

Man darf sich Scott Touzinsky nicht als religiösen Dogmatiker vorstellen, der kritiklos alles hinnimmt. Er hinterfragt diverse Punkte, das sagt er auch. Zum Beispiel betrachtet er das Zölibat, die Pflicht für Priester zur Ehelosigkeit – einer der umstrittensten Punkte der katholischen Lehre – als nicht mehr zeitgemäß. „Wenn ein Pfarrer eine Frau heiraten will, dann soll er das doch machen“, sagt er. „Warum denn nicht?“

Es sind einzelne Punkte, die aber nie den Glauben als solchen infrage stellen. „Zweifel habe ich nie gehabt“ , sagt er. Im Gegenteil, er brennt darauf, mal eine ganz besondere Reise zu unternehmen. Seine Frau hat diese Erfahrung bereits gemacht, er beneidet sie darum. Scott Touzinsky möchte endlich mal zum Vatikan reisen und dort eine Messe mitfeiern. „Es wäre cool“, sagt er, „das zu erleben.“

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