Sport : Lokomotive Leipzig

Die Hallenhockey-WM war zwar nicht sonderlich spannend, aber Werbung für die Randsportart war sie allemal

Daniel Pontzen

Leipzig. Wer am Sport das reine Erlebnis des Wettkampfs schätzt, hatte bisweilen Mühe, das Ganze zu ertragen, allein akustisch. Die Geräuschkulisse bei der 1. Hallenhockey-Weltmeisterschaft in dieser Woche in Leipzig war kaum angenehmer als die im Maschinenraum eines U-Bootes. Mit sagenhafter Ausdauer pusteten die Zuschauer in kleine Plastiktröten und bauten damit eine Schallwand, die ein Trompetenspieler immer wieder wild entschlossen mit PippiLangstrumpf-Hymnen durchbrach. Dazu röhrte sich der Hallensprecher in einen Rausch, er wäre sicher auch glänzend geeignet für einen Job auf dem Jahrmarkt.

Aber so muss das sein heutzutage, denn, das hatte sich auch Leipzigs Bürgermeister Holger Tschense sagen lassen, das Turnier „ist kein Turnier, das ist ein Event“. In jedem Falle war die Premieren-WM aus Sicht des Deutschen Hockey-Bundes der erhoffte Schub für die Marketing-Offensive, die den Sport vom Rand Richtung Mitte der öffentlichen Wahrnehmung drängen soll. „Zu Beginn der Vorbereitung war ich optimistisch, dass die Veranstaltung ein Erfolg wird“, sagt DHB-Präsident Christoph Wüterich, „zwischenzeitlich war ich etwas unsicher – aber diese Woche war einfach phänomenal, absolut überragend.“ Die Hallen-WM habe sich als hervorragendes Werkzeug zur Hockeyreklame erwiesen. Lokomotive Leipzig 2003.

Die Zahlen deuten an, wieso es Wüterich so gut ging am Finalsonntag. Knapp 25 000 Zuschauer waren an den fünf Tagen eingetaucht in die Erlebniswelt der neuen Arena. Das sind sehr viele, gemessen an dem Freizeitangebot, das Leipzig bietet. 76 Spiele an fünf Tagen, dazu ein Rahmenprogramm, das wenig ausließ zwischen Winddrachenkünstlern und Theatershows – die Leipziger nahmen das durchorganisierte Dauerspektakel an. Nicht schlimm sei dabei, sagt der Berliner Nationalspieler Tibor Weißenborn, „dass am Anfang viele Kinder darunter waren, und die vielleicht nur gekommen sind, weil sie schulfrei bekommen haben. Offensichtlich haben wir einige davon überzeugt wiederzukommen.“ Am Sonntag war die Halle mit 6000 Zuschauern voll besetzt.

In den Medien fühlt sich der DHB ebenfalls angemessen dargestellt, ein seltenes Gefühl für Vertreter kleiner Sportarten. „Die Champions Trophy in Köln letztes Jahr war in dieser Hinsicht schon ein Erfolg, aber das hier schlägt alles“, sagt Wüterich. Eurosport übertrug 15 Spiele live, die Quoten sollen nach ersten Einschätzungen sehr passabel gewesen sein. Auch beim MDR schauten bei der Übertragung aus der Arena am Samstag mit 210 000 fast genauso viele Menschen zu wie anschließend beim allseits beliebten Tele-Bingo.

Gratis war die Aufmerksamkeit nicht. 350 000 Euro beträgt der Gesamtetat, 200 000 haben Sponsoren beigesteuert, 90 000 die Stadt Leipzig und 50 000 der Freistaat Sachsen. Vermutlich wird am Ende ein kleines Minus stehen, zumal der DHB weitere 150 000 Euro für die TV-Produktion bereitgestellt hatte. Aber dies nehme der Verband bewusst in Kauf, sagt Wüterich, „wir sehen das als notwendige Investition“.

Kaum ins Gewicht fiel, dass der sportliche Reiz nicht immer ganz so großartig war. Es mangelte an Spannung, da die Gastgeber in ihrer eigenen Liga spielen. Zudem hat Hallenhockey nach wie vor einen bescheidenen Stellenwert. „Es ist vielleicht nicht populär, das in dieser Woche zu sagen“, sagte Herren-Nationaltrainer Bernhard Peters in dieser Woche, aber „als olympische Sportart hat Feldhockey eine völlig andere Bedeutung“, nicht erst seit Deutschlands erstem Feld-WM-Titel 2002.

Dennoch sieht sich der Hockeyweltverband FIH in der Ausrichtung der Hallen-WM bestätigt. „Die Resonanz hat gezeigt, dass das Konzept angenommen wird. Ich habe hier nur zufriedene Menschen gesehen“, sagte Präsidentin Els van Breda Vriesman. „Wir sind sicher, dass wir in vier Jahren eine gute Fortsetzung erleben werden.“ Nicht ganz so weit schaut Christoph Wüterich voraus. 2006 findet in Mönchengladbach die Feldhockey-WM statt. „Wir rechnen bei den Zuschauerzahlen mit Steigerungen, und wenn ich mir die Resonanz hier anschaue, kann man sich ausrechnen, was 2006 möglich ist.“ Dort wird derzeit ein Hockeystadion für 15 000 Zuschauer errichtet. „Ganz ehrlich“, sagte Wüterich vor Beginn der Endspiele, „Leipzig war so traumhaft für uns – eigentlich ist es jetzt egal, ob wir gewinnen.“

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