London 2012 : Groß! Britannien!

Der Gastgeber der Spiele 2012 ist zufrieden mit sich und seiner Präsentation in Peking. Insbesondere deshalb, weil es gelungen sei, einen Kontrast zu Peking zu schaffen.

Christian Tretbar[London]
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Kick it! Beckham schießt los.Foto: AFP

Und vor allem einer hat davon profitiert: Londons Bürgermeister Boris Johnson. Keineswegs unumstritten in der britischen Hauptstadt, hat Johnson mit seinem Auftritt in Peking an Sympathien in der Heimat gewonnen. Die britische Zeitung „The Independent" schrieb auf ihrer Titelseite, dass es schwer falle, nicht wenigstens einen Hauch Sympathie für Johnson zu entwickeln.

Zum einen, weil die olympische Flagge auch eine schwere Bürde ist, und zum anderen, weil Johnson jene Leichtigkeit ausgestrahlt hat, die bei den Spielen in Peking gefehlt habe. „Auch wenn er aussieht, wie ein ungemachtes Bett, und in der olympischen Disziplin ein Desaster wäre, muss die Welt ihn kennenlernen, weil er auf eine gewisse Art sehr britisch ist", schreibt das Boulevardblatt „The Sun".

Ping Pong is coming home

Persönlicher, ein bisschen weniger perfekt, dafür aber humorvoller sollen die Spiele werden. Und Johnson hat Humor, was er bei seinem Auftritt am Abend vor dem britischen Quartier in Peking bewies, als er voller Verve verkündete, dass Tischtennis mit den Spielen 2012 in London nach Hause zurückkehrt - "Ping Pong is coming home". Denn das hätten wie alle anderen Sportarten die Briten erfunden, nicht die Chinesen.

Der rote Bus war ausnahmsweise pünktlich

Für die "Times" war es besonders bemerkenswert, dass der rote Doppeldeckerbus auch noch pünktlich ins Stadion eingefahren ist. In London selbst wird das nicht so häufig der Fall sein. Aber sei es drum. Die britischen Kommentatoren lobten den Auftritt Londons in Peking als geglückt, weil er freundlich, farbenfroh und heiter gewesen sei.

Das Auftreten Großbritanniens in Peking habe auch auf der Insel neuen Optimismus und Freude auf die Spiele gebracht, schreibt der „Guardian" und erinnert daran, dass kurz nachdem London den Zuschlag für die Spiele 2012 erhalten habe, die Bomben von Selbstmordattentätern in London die Vorfreude zerstört hatten. Jetzt gehe man mit neuer Hoffnung an die Vorbereitungen.

Großbritannien fühlt sich gewappnet und ist auch mit den Feierlichkeiten in der Heimat zufrieden. Auf Großbildleinwänden in etlichen Städten wurde die Zeremonie übertragen. In der walisischen Hauptstadt Cardiff brachten Fallschirmjäger die olympische Flagge in die Stadt und an der britischen Küste in Weymouth, wo die olympischen Segel-Wettbewerbe ausgetragen werden, feierten Tausende am Strand – auch weil es seit Tagen das erste Mal Sonne gab.

Bildausfall am Buckingham Palace

Die Hauptveranstaltung fand in London vor dem Buckingham Palace statt und auch davon waren die Briten angetan. Wenn auch nicht alle. Schließlich fielen just in dem Moment viele Großbildleinwände vor dem königlichen Palast aus, als London sich der Welt in Peking präsentierte.

Außerdem mussten viele Besucher wieder abziehen, obwohl sie Karten für die Veranstaltung hatten, weil die Polizei das Gelände kurz vor der Übergabe der olympischen Flagge wegen Überfüllung schließen musste. „Ich kann nur hoffen, dass die Organisation 2012 wenigstens etwas besser wird als hier am Eingang", sagte eine Besucherin, die es noch geschafft hat vor die Bühne zu kommen. Doch große Aufregung hat das in den Kommentaren nicht erregt, einzig die „Times" hat die mangelhafte Organisation kritisiert.

Aufregung um das Bild einer Mörderin

Für viel größere Aufregung hat dagegen ein Bild gesorgt, dass in der offiziellen Zeremonie in einer Videoeinspielung in Peking zu sehen war. Dort wurde ein Bild gezeigt, dass der Künstler Marcus Harvey bereits 1995 gemalt hat: es zeigt Myra Hindley, die in den 1960er Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt wurde wegen Mordes an vier Kindern.

Das Bild erregte schon bei seiner Ausstellung in den 1990er Jahren in der Royal Academy Aufsehen und wurde mit Tinte und Eiern verunstaltet. „Das ist schlechter Geschmack, darauf hätte man verzichten können", sagte ein Regierungssprecher. Auch Boris Johnson war nicht glücklich über dieses Bild. „Er bittet darum, dass dieses Bild nicht noch einmal gezeigt wird", sagte ein Sprecher Johnsons.

Mehr Wettbewerb im Schulsport

Der Freude über sich selbst tat das aber insgesamt keinen Abbruch. Ausruhen wollen sich die Briten bei aller Freude über ein historisches sportliches Abschneiden bei diesen Spielen und der gelungenen Selbstdarstellung in Peking aber nicht. Premierminister Gordon Brown kündigte in einer Rede am Abend in Peking an, wieder mehr Wettbewerb in den Schulsport bringen zu wollen. „Dieser Wettbewerbscharakter ist essentiell", sagte Brown.

Damit es aber überhaupt die Möglichkeit gibt, Sport in der Schule zu treiben, will die Regierung über vier Jahre verteilt 125 Millionen Euro in die Infrastruktur investieren, damit das Ziel, fünf Stunden Sport in der Woche für alle Schüler erreicht werden kann.

Begehrte britische Trainer

Finanzielle Anstrengungen forderte am Abend in Peking auch Lord Colin Moynihan von der Regierung. „Wir müssen jetzt rasch die Budgets festlegen und die Verträge mit unseren Trainern verlängern, weil die durch den Erfolg in Peking jetzt auch in anderen Ländern begehrt sind", sagte der Präsident des Britischen Olympischen Komitees. Allen voran Dave Brailsford, Cheftrainer der erfolgreichen Bahnradfahrer, dürfte einige Anfragen aus dem Ausland erhalten.

Gordon Brown will britisches Fußball-Team

Und auch um den Fußball sorgt sich Großbritannien. Denn erstens stellt die Leistung des Athleten-Teams GB die Auftritte der englischen Fußball-Nationalmannschaft in den Schatten. Und zweitens will Gordon Brown bei den Spielen in London auch ein britisches Fußball-Team spielen sehen. Im Moment gibt es keines, weil England, Wales, Schottland und Nordirland getrennte Teams haben. „Es wäre eine Überraschung, wenn wir kein Fußball-Team stellen würden", sagte Brown. Mögliche Trainer-Kandidaten sind auch schon im Gespräch: David Beckham und Sir Alex Ferguson.

Doch noch kümmert man sich nicht um morgen. Großbritannien empfängt heute in London seine Athleten aus Peking. Allerdings nicht öffentlich, aus Sicherheitsgründen. Bleibt nur zu hoffen, dass ihre Koffer auch am überfüllten, chaotischen Flughafen Heathrow ankommen – samt der 47 gewonnenen Medaillen.

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